Grau in Grau

Ich fahre mit dem Bus quer durch die ganze Stadt und der Winter hat eine ganz besondere Spezies wieder an die Erdoberfläche gespült: die uniform in grau oder beige gekleideten älteren Herrschaften. Den Gedanken dazu habe ich in den letzten Jahren schon oft im Kopf hin und her gewendet – und immer noch rechtzeitig gestoppt, bevor die einsetzende Depression mich in Gänze überrennen wollte. Aber heute habe ich ihn zu Ende gedacht und mitgezählt. Von nahezu hundert älteren Leuten, die mehr oder weniger meinen Weg kreuzten, trug eine einzige – sehr sympathische – Dame eine schöne, fliederfarbene Jacke. Alle anderen hüllten sich in die trostlosesten, aber erstaunlich ergiebigen Abstufungen von Grau und Beige, den Hautton der Gesichter eingeschlossen.

Ich habe dazu drei Theorien:

Erstens: Es ist ein kollektives psychologisches Phänomen. Da sich die Herrschaften nicht bewusst mit ihrem eher nahen als fernen Ableben beschäftigen möchten, kompensieren sie dies unbewusst, indem sie sich gewissermaßen optisch allmählich „ausblenden“ und fürs erste auf Farbe verzichten.

Zweitens: Es gibt ein geheimes Ministerium, das die Überalterung der Gesellschaft propagandistisch herabspielen soll. Die Unauffälligkeit der greisen Bevölkerungsteile wird wie bei Theorie Eins durch die Rücknahme an Farbsättigung gewährleistet.

Drittens: Die „Grau-und-Beige-Liga“ hat sich in einem ganz pragmatischen Entschluss zu einer Verbrauchergemeinschaft zusammengeschlossen, die sich auf diese zeitlose Kombination festgelegt hat und nun von sagenhaften Rabatten profitiert. Das gesparte Geld wird in Orgien investiert, wie sie in dieser Intensität selbst das alte Rom nicht gesehen hat.

Aber: keine These ohne Antithese. Nur einen Tag zuvor (es fällt mir jetzt beim Schreiben ein) teile ich mir mein S-Bahn-Abteil mit zwei Damen jeweils jenseits der Siebzig. Beide (also eine Quote von 100%) tragen atemberaubendes Rosa.

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