The Past Never Dies

Meine Frau, meine Tochter und ich wohnen in einem Haus, das in den 1880er oder 1890er Jahren gebaut worden sein dürfte.

Entgegen der landläufigen Bauherrenmentalität ist dieses Haus (und damit unsere Wohnung) nur soweit saniert wie nötig – das heißt, originale Details sind weitestgehend erhalten. Ganz besonders dankbar bin ich dem Schicksal für unsere Türen, deren Lack zwar heftigste Narben aufweist, die aber offensichtlich ihre ursprünglichen Messingbeschläge noch tragen.

Ganz sicher steigere ich mich sentimental in meine Begeisterung für dieses nostalgische Detail etwas übermäßig hinein: es vergeht kein Tag, an dem ich nicht vor einer unserer Türen ein paar Momente stehenbleibe und beobachte, wie das Sonnenlicht in den Klinken funkelt. Nachzudenken, wer da alles über das komplette 20. Jahrhundert hinweg „die Hand aufgelegt hat“, ist eine reizvolle Angelegenheit. Jede dieser Klinken ist auf so verschiedene Weise vom Schicksal gebeutelt worden, dass kaum eine in ordentlicher horizontaler Ausrichtung den Tag verbringt. Jede einzelne hängt mehr oder weniger ein Stück herab, auch die Spannung, mit der sie jeweils den Druck der Finger erwidern, ist individuell.

Weite ich das Thema „Gebrauchsspuren“ aus, stelle ich fest, dass ich dafür sehr eigenwillige private Regeln aufgestellt habe: Schuhe müssen getragen aussehen. Solange sich keine Querrillen gebildet haben, fühlen sich die Schuhe wie Fremdkörper an.

Bücher sollten nicht in die Wanne gefallen sein, Eselsohren sind ebenfalls unerwünscht, wenn aber durch häufigen Gebrauch die Seiten in Würde gealtert sind und das Buch dadurch etwas demoliert daherkommt, ist das eine feine Sache.

Kratzer und Schrammen im Gehäuse von Armbanduhren verehre ich zutiefst, Kratzer im Glas weniger, Brüche im selbigen machen die Uhr untragbar.

Dellen in einem alten Auto können charmant sein, Löcher oder Flecken in den Sitzen – egal welcher Autos – sind unerträglich.

Tätowierungen sind die größte Lächerlichkeit unter der Sonne. Echte Narben dagegen sind die tagtägliche Erinnerung daran, dass der Begriff „Vergangenheit“ ein albernes Vehikel ist. Auf meine zwanzig Jahre alte, zwölf Zentimeter lange Narbe am rechten Unterarm (die Folge eines Weltrekordversuchs im Hochsprung) würde ich um keinen Preis verzichten wollen.

Update 2012: Mittlerweile habe ich meine Meinung zum Thema Tätowierungen geändert: Ich würde es mal so umschreiben – zum großen Teil ist man Gestalter seines Lebens, man kümmert sich um Kleidung, kulturellen Input etc. Warum also nicht auch Zeichen hinterlassen und sei es auf dem eigenen Körper.

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