Wir fahren nach Berlin

Gibt es noch Menschen, die per Anhalter reisen? Ich glaubte es selbst nicht, bis ich vor kurzem auf der Dresdner Hansastraße einen kleinen, dünnen und sehr jungen Mann ein erbärmliches Pappschild mit einem gekritzelten, noch viel erbärmlicheren, großen „B“ hochhalten sah. Ich passierte die gleiche Stelle eine halbe Stunde später erneut (meine Tochter hielt gerade Mittagsschlaf im Kinderwagen – das kann dauern, und irgendwann gibt man es auf, die Wahl der Strecke sonderlich originell und neu zu gestalten). Der kleine, dünne und sehr junge Mann stand immer noch da. Durchfroren, verbissen, aber ohne den geringsten Anflug von schlechter Laune. Die Sache ging mir nicht aus dem Kopf und ich kehrte einige Stunden später zurück. Ohne Kinderwagen und ohne Midori. Der kleine, inzwischen noch dünnere, nach wie vor aber junge Mann wirkte durchfroren und das Fieberthermometer, das ich ihm unter jenen Arm klemmte, der nicht das „B“-Schild halten musste, blieb bei 22 Grad angezeigter Körpertemperatur stehen. Ich hätte es nicht für mich möglich gehalten, dass eine solche Auskühlung so tapfer zu ertragen sein könne. Aber offensichtlich ist auch das nur, wie letztlich alles, eine Frage des Willens. Ich klopfte dem Mann auf die Schulter und versprach ihm, abends mit einer warmen Suppe wiederzukommen, sollte sich bis dahin niemand seiner erbarmt haben. Als ich ihm diese Suppe dann brachte, war seine Konstitution so ins Erbärmliche abgerutscht, dass „dünn“ ein viel zu harmloser Ausdruck dafür gewesen wäre. Ich schaute ihm zu, wie er in Zeitlupe mit seinen eingefrorenen Armen die Suppe löffelte und versprach ihm Kaffee und warme Brötchen für den nächsten Morgen. Tatsächlich hatte ich nicht viel Hoffnung, ihn bei Tagesanbruch noch lebend vorzufinden. Und wirklich war er irgendwann in der Nacht, wahrscheinlich als sein Fleisch bereits begann, in tiefgefrorenen Zustand überzugehen, vornüber gekippt und von diversen Fahrzeugen überrollt worden. Ich sammelte, wild zwischen den Autos hin und her springend, seine Einzelteile zusammen, die ich diskret hinter einem kleinen Mäuerchen unter einem Haufen Laub zur Ruhe bettete. Alles war auffindbar – bis auf den Zeigefinger seiner linken Hand. Ich vermute, dass sich dieser im Profil irgendeines Autoreifens verklemmt hat und der kleine, dünne, junge Mann so eventuell in einem gewissen, symbolischen Sinn das Ziel seines Abenteuers doch noch erreicht hat.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s