Wunsch, Indianer zu werden

Für Midori (zum Zeitpunkt der Niederschrift 18 Monate) ist Franz Kafka ein Indianer.

Nichts liebt sie momentan so sehr wie Indianer, „Jah-jah“ (was „Indianer“ bedeutet) ist eventuell ihr meist benutztes Wort. Vielleicht nur noch übertroffen von ihrem resoluten „Nein!“, mit dem sie all die dilettantischen Erziehungsversuche ihrer Eltern schon von Beginn an ablehnt – dies sicher ganz zu Recht. Nun ist vor kurzem der zweite Teil der auf drei Bände angelegten monumentalen Kafka-Biografie Reiner Stachs erschienen. Für Midoris Vater ist es offensichtlich das Buch der Bücher und so trägt er es immer mit sich herum, trotz der gefühlten 10 Kilogramm Papier. Wer je auf den nächsten Harry Potter gewartet hat (zumindest das hat sich ja jetzt erledigt), wird nachfühlen können, was sechs Jahre Wartezeit auf ein Buch zu bedeuten vermögen. Midori bleibt dieses so unerwartet den Alltag dominierende Buch nicht verborgen. Mit kurzem Kennerblick auf Coverboy Franz stellt sie ganz überzeugt fest: „Jah-jah!“. Alle anderen Kafka-Bilder in unserer Wohnung (und davon gibt es Milliarden) werden ab sofort gleichermaßen katalogisiert. Ich stelle Midoris Urteil nicht in Frage. Ihre völkerkundliche Bildung ist mittlerweile phänomenal; sie weiß, dass nicht alle Indianer in Zelten lebten, dass nicht einmal alle Indianer Büffel jagten. Sie ist eine Expertin.

Ich werde also Herrn Stach anrufen müssen und hoffen, dass er im dritten Band (der leider erst in Angriff genommen werden kann, wenn Max Brods Nachlass in Tel Aviv greifbar ist) die Kurve noch kriegt, diese Sensation entsprechend zu berücksichtigen. Bis dahin bitte ich Sie um weitgehendes Stillschweigen.

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