Bürokratie vs. Zivilcourage

Das Leben findet bekanntlich nicht im Konjunktiv statt. Ganz spekulativ möchte ich diese simple Weisheit aber gern einmal für folgendes Szenario vernachlässigen. Wären meine Familie und ich – nur beispielsweise – letztes Wochenende in einen zweiwöchigen Winterurlaub gefahren, hätten wir uns bei unserer Rückkehr mit dem Gedanken vertraut machen können, „bis zu 1.000 Euro Ordnungsgeld“ zahlen zu müssen oder alternativ meine Frau für „bis zu 6 Wochen“ in „Ordnungshaft“ zu verabschieden. Man könnte also meinen, es handele sich bei meiner Frau um eine Schwerstverbrecherin. Das ist sie – meinem Kenntnisstand nach – in keinster Weise.

Doch zurück zum Anfang: An einem heißen Nachmittag im letzten Sommer hatten die Diebe einer – aus einem Büro drei Straßen weiter entwendeten – Geldbörse gleich doppelt Pech. Zum ersten waren sie – unumstößlich und zwangsläufig – sie selbst und aus diesem Grund mit limitierter Intelligenz ausgestattet (dazu später). Zum zweiten wurden sie bei ihrer Flucht vor dem Bestohlenen und beim Verstecken der Beute unter einem Haufen Bauschutt von meiner Frau beobachtet. Diese hatte zufällig vom Balkon aus das Ende der bizarren Verfolgung miterleben können. Den Dieben gelang es, dem Bestohlenen gegenüber ihre Unschuld zu beteuern (die Geldbörse war ja versteckt) und die Streitenden trennten sich.

Der Disput hatte eine Weile gedauert und in einer respektablen Lautstärke stattgefunden (wenn er auch nicht wörtlich zu verstehen war). Die Diebe hätten also in Erwägung ziehen sollen, mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit beobachtet worden zu sein.

In diesem Sinne wäre es aus ihrer Sicht nur vernünftig gewesen, nicht eine halbe Stunde später ausgerechnet mit dem Auto vorzufahren und beim Abholen der Beute ihr Kennzeichen (den einzigen Link zu ihrer Identifizierung) groß und breit dem ganzen Platz darzubieten. Das meinte ich mit limitierter Intelligenz. Meine Frau hat ein nämlich ausgezeichnetes Gedächtnis für Zahlen- und Buchstabenfolgen.

Die Zusammenhänge des Schauspiels waren uns mittlerweile klar und als – wieder eine Weile später – der Bestohlene mit zwei Polizisten auftauchte, sind wir unserer „staatsbürgerlichen Pflicht“ nachgekommen anstatt „nichts gesehen haben zu wollen“. Wie wir später erfuhren, wurde die Geldbörse mit allen Karten am anderen Ende der Stadt gefunden. Nur zwanzig Euro fehlten. Unsere Zeugenaussage vor Gericht würde bei diesem banalen Schaden nicht nötig sein, wurde uns gesagt.

Nun also – kein Mensch hatte mehr daran gedacht – doch die Vorladung des Gerichts: eine Woche vor dem angesetztem Termin. Unter Androhung der oben genannten Strafen bei Nichterscheinen.

Wie ich inzwischen recherchiert habe, wird von juristischer Seite nicht nur empfohlen, sondern vorausgesetzt, dass man auch im Urlaub seine Post leeren und relevante Schreiben öffnen lässt. Das heißt: wären wir im Urlaub gewesen und hätten aus diesem Grund den Termin verpasst, hätten uns als Belohnung für unsere Mithilfe die entsprechenden Sanktionen erwartet.

Kafkas „Prozess“ lässt grüßen.

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