Letzte Fragen: Der Papst, der Holocaust, die Meinungsfreiheit…

Der Vatikan rudert zurück: Bischof Williamson soll seine Holocaustleugnung bzw. -relativierung widerrufen.

Es verbleibt für mich am Ende die Frage, warum es nicht genügt, dass, wer (auch immer) den Holocaust leugnet oder relativiert, sich damit selbst disqualifiziert. Moralisch sowieso und gesellschaftlich ganz automatisch. Ich frage mich also ganz allgemein, was die Sache mit der Strafbarkeit (in Deutschland, Österreich, der Schweiz und einigen anderen Staaten) soll. Nicht zuletzt ist meines Erachtens ein aus gesundem Menschenverstand heraus empfundener oder durch wirkliche Beschäftigung mit der Geschichte erworbener „Anti-Antisemitismus“ mehr wert als verordneter.

Will man die Nichtnachdenkenden vor Volksverhetzung schützen?
Dann fallen diese eben auf die nächste – gerade noch legale – Parole herein. Außerdem bleiben die Nichtnachdenkenden immer gleichermaßen gefährlich – einfach durch ihre Dummheit, wem auch immer sie gerade nachlaufen.

Oder will man die Würde der Holocaustopfer schützen? Ich denke, keine noch so infame Holocaustleugnung, -relativierung oder wie auch immer versuchte Herabsetzung schafft es, diese Würde anzutasten.

Auf der Suche, ob ich mit dieser Ansicht ganz allein bin, fand ich eine Rezension des Buches „Letzte Fragen“ von Thomas Nagel – hier ein Auszug:

„Den Holocaust zu leugnen, fällt für den Juden Thomas Nagel unter das Recht auf freie Meinungsäußerung. Der Autor erklärt, ein Staatswesen, das eine solch abstruse Behauptung wie die, es hätte Auschwitz nicht gegeben, unter Strafe stellt, erweist sowohl den Juden als auch der Demokratie einen Bärendienst. Es degradiert eine historische Tatsache, die durch Fakten und Zeitzeugen hinreichend belegt ist, zu einem ideologischen Glaubensartikel, dem zu widersprechen per Gesetz verboten werden muss.

Eine solche Verfahrensweise, so Nagel, erinnere an das Gebaren totalitärer Regime. Seiner Meinung nach kräftigt es den Meinungsbildungsprozess einer demokratischen Öffentlichkeit, wenn man unliebsame oder gar verrückte Ansichten von Minderheiten gewähren lässt. Verbote sind sparsam zu gebrauchen, denn jedes Verbot befördert auch das Verbotene. Nagel ist überzeugt: Wer den Holocaust zu leugnen unter Strafe stellt, steigert die Lust an der Provokation.“

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