Warum Tuberkulose romantischer ist als ein Badewannenrand voller Kerzen

Es gibt bestimmte Selbstaussagen, die ein Mensch nicht treffen kann ohne gleichzeitig zu lügen.

Zwei Beispiele fallen mir spontan ein: Wer sich etwa als „romantisch“ bezeichnet, ist dies mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht – stattdessen nur in besonderer Weise empfänglich für die medial inszenierte Entstellung und Verharmlosung der Idee von Romantik, einer in der Summe infantil naiven Einstellung zum Leben. Die sich selbst als romantisch definierenden Menschen illuminieren dann eben ihre Wohnung mithilfe von Kerzen bis an die Grenze zur Pyromanie und ballern die Speicherchips ihrer Digitalkameras mit tausenden Variationen des immer mehr oder weniger gleichen Sonnenaufgangs voll. Und jedem Dackel von Mann, der es logistisch auf die Reihe bekommt, zum Hochzeitstag drei in Folie verpackte Gänseblümchen an der Tanke zu kaufen, wird eine unglaublich romantische Ader attestiert. Dass wirkliche Romantik etwas völlig anderes ist und ohne ein gewisses Maß an Dramatik nicht funktioniert, können sich diese Leute nicht vorstellen. Romantisch ist es, wenn man in seinen letzten Lebenstagen wie Modigliani schwer tuberkulös in ungeheizten Räumen haust, sich von Ölsardinen und Alkohol ernährt und wenn einem die Geliebte schnurstracks und postwendend in den Tod folgt.

Ich denke, dass letztlich die Hochleistungsmedizin einen großen Teil zur nahezu völligen Ausrottung der Romantik beigetragen hat. Man kann eben leider nicht mal mehr schnell an einem Schnupfen versterben (außer man heißt Guillaume Depardieu). Welch wirrer Gedankengang, höre ich die verehrten Leser raunen. Aber: ohne permanente Todesnähe ist wirkliche Romantik nicht denkbar. Dabei ist Tragik und Unheil ja durchaus nicht aus der Welt, wird aber geflissentlich verdrängt und die statistisch errechnete hohe Lebenserwartung als etwas garantiertes angesehen – wie der Hubraum eines Autos oder irgendein anderer Parameter eines beliebigen technischen Geräts.

Die zweite ganz offensichtliche Lüge ist es, wenn jemand behauptet, „er (oder sie) habe Humor“. Da kann die Anwesenheit des selbigen nahezu ausgeschlossen werden. Erst recht, wenn der Aussage ein flotter Witz nachgeschoben wird. Witzeerzähler sind nämlich fast immer der denkbar extremste Gegensatz zu Menschen mit „wirklichem Humor“. Letztere würden sich wahrscheinlich erst auf der Streckbank zu jener schrecklichen Selbstbezichtigung verleiten lassen.

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2 Gedanken zu “Warum Tuberkulose romantischer ist als ein Badewannenrand voller Kerzen

  1. northbohemian schreibt:

    Oh, ich fühle mich ertappt! Das würde zumindest meinen Größenwahn erklären …

    Bisher dachte ich zwar, erstes und sicherstes Symptom von Neurolues wäre die Verweigerung jeglicher Kommasetzung, aber ich lerne gern dazu.

    P.S. Wer lesen kann, wird merken, dass es um Tuberkulose in diesem Artikel eigentlich in keinster Weise geht.

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