Revisiting Tschechow

Ohne es bisher genau benennen zu können, ist mir in Texten (seien es belletristische oder biografische), die vor – sagen wir – 1960 geschrieben worden sind, seit jeher sehr wohltuend ein gewisser nachsichtiger Umgang mit der Körperlichkeit, den Krankheiten und Makeln der jeweiligen Protagonisten aufgefallen. Ob es sich um Syphillis, abgeschossene Beine, Glasaugen, Fettleibigkeit oder andere Besonderheiten handelt: immer werden diese Dinge behutsam zur Charakterisierung der Figuren verwendet. Mehr noch: Kahlköpfigkeit, rissige Lippen, Buckel etc. geraten so sehr zum Teil der Charakterisierung, dass die jeweilige literarische Figur gewissermaßen die volle Autonomie über ihre Körperlichkeit behält. Es entsteht der respektvolle Eindruck, die Figuren seien ohne ihre Syphillis, ihre abgeschossenen Beine und ihre Glasaugen unvollständig, als hätten sie sich ihre Krankheiten und Behinderungen selbst zur Perfektionierung ihrer Persönlichkeit erwählt. Das gibt dem literarischen Personal neben einer starken Farbigkeit (denn Äußeres und Inneres verweben sich zu einer atmosphärischen Einheit) vor allem ein hohes Maß an Würde.

Irgendwann (ich nehme an: 1960) ist diese zärtliche Darstellung von Körperlichkeit aus der Literatur verschwunden. Wie im Alltag wurde der Mensch aufgeteilt in Bewusstseins-Maschine und Körper-Maschine. Reflektiert werden nun vorrangig die Vorgänge in der Bewusstseins-Maschine. Die Körper-Maschine läuft der Handlung halb vergessen – nur noch ab und zu verwundert wahrgenommen – hinterher. Alternativ, wenn es die Handlung voranzutreiben gilt, reagiert dann doch in mechanischer Kälte die Körper-Maschine. Gibt es Auffälligkeiten, gar Probleme mit der Körper-Maschine, so sind das allenfalls technische Parameter, die aus dem Ruder gelaufen sind und schnellstens wieder behoben werden sollten. Zumindest erwartet das jeder. Nix mehr mit Autonomie.

Nun gut, damit ist die Literatur wahrscheinlich nur Spiegel der allgemeinen Annahme von der nahezu unbegrenzten Beherrschbarkeit und „Editierbarkeit“ des eigenen Fleisches und Blutes – einer natürlich zum Scheitern verurteilten und absolut lächerlichen Illusion.

Ich weiß jedenfalls, dass ich mich nicht mehr über stinkende Mitreisende in der Straßenbahn beschweren werde. Vielmehr genieße ich noch die verbleibenden wenigen Jahre, bis man diese in Lager irgendwo weit hinter dem Ural verschickt haben wird. Ungefähr um diese Zeit wird dann wohl auch eine DIN-Norm für das der Öffentlichkeit zumutbare Gesicht definiert. Wie es die Kommunisten nie besser gekonnt hätten, wird damit das Unglück aus der Welt gebannt sein. Ganz ehrlich!

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5 Gedanken zu “Revisiting Tschechow

  1. Athanasius Frost schreibt:

    Wenn Jugendlichkeit zum uneingeschränkten Menschheitsideal wird, muss auch die Hochachtung des Alters auf der Strecke bleiben – nicht nur in der Literatur. Natürlich steckt noch viel mehr dahinter. Mit der gestiegenen Lebenserwartung nimmt die Rüstigkeit unserer Senioren im Vergleich zu denen vergangener Epochen ab. Viele Krankheiten, die einst die Straßenbilder prägten, sind uns heute nahezu unbekannt; wer würde denn noch die Symptome von Tuberkulose, Gicht oder Rachitis erkennen? Der letzte Krieg in Zentraleuropa liegt fast ein Lebensalter hinter uns und seine Krüppel sind nahezu ausgestorben und betteln nicht mehr in den Straßen. Behinderungen werden mit immer neuen Euphemismen umschrieben, um ja als „gleichwertig“ betrachtet zu werden.
    Die Welt hat sich weiter gedreht und ist jetzt schön und neu. Wie könnte das an der Literatur vorübergehen, deren Urheber Teil der jugendschönen Kultur sind?

    Es kommen auch wieder andere Zeiten.

    Ich muss aber zugeben, deinen Gedanken über die Autonomie der Körperlichkeit literarischer Figuren nicht recht verstanden zu haben. Autonom in Bezug auf was? Sicher nicht in Bezug auf den Körper, denn wie du selber sagst, ist gerade die körperliche „Entstellung“ Teil des Charakters der Figur. Autonom in Bezug auf die Gesellschaft oder ihre Ideologie? Beides scheint mir nicht der Fall zu sein.
    Oder habe ich da etwas völlig falsch verstanden?

  2. northbohemian schreibt:

    Lieber Athanasius, ich habe befürchtet, dass ich bei dieser schwammigen Formulierung erwischt werden würde.

    Mit Autonomie meinte ich, dass die Makel meiner „Vor-1960-Figuren“ nicht wie „editierbare Parameter“ einem gesellschaftlichen Druck ausgesetzt sind, behoben oder verborgen zu werden.

    Da die Makel – in der literarischen Darstellung – so sehr Teil der Persönlichkeit sind, kommt das – ebenfalls literarisch gestaltete – Umfeld der jeweiligen Figuren nicht einmal ansatzweise auf die Idee, diese Makel in Frage zu stellen.

    Der Makel bleibt also absolute Privatsache der Figur und wird darüber hinaus von niemandem, nicht einmal von der Figur selbst als solcher wahrgenommen. Da er so sehr verwoben mit dem Charakter, der Gestik und der Mimik der Figur ist, kann er eigentlich auch gar nicht „separiert“ und „einzeln benannt“ werden, nur als stimmige Nuance in einem „unauflöslichen“ Gesamtbild kurz aufleuchten.

    D.h. ich meine Selbstbestimmung in der Form, dass nicht daran gedacht wird, die eigene Persönlichkeit in irgendeinem Detail irgendeiner Debatte auszusetzen. Was eine Selbstbestimmung ist, die meinen geliebten tschechowschen Figuren nicht schwer fällt – da niemand in ihrem Umfeld auf die Idee käme, eine solche Debatte zu führen.

    Aber ich gebe zu, dass „Autonomie“ da ein äußerst irreführender – und wahrscheinlich falscher – Begriff ist. Ich verordne mir zur Strafe zwanzig Peitschenhiebe!

  3. Athanasius Frost schreibt:

    Ah… jetzt… ja. Danke!

    Ich bezweifle aber, dass die körperlichen Makel in der Literatur vor 1960 generell oder auch nur überwiegend so positiv verstanden wurden, wie du es hier tust. Zumindest bei Meyrink, Poe, Bierce und – etwas populärer – Doyle wird die physische Entstellung in der Regel entweder als Anzeiger für eine Tragödie im Leben der Figur oder aber als notwendiger (oder zumindest typischer) Begleitumstand moralischer Verkommenheit verwendet.
    Hinzu kommt noch das Element der Ergebenheit bzw. Abstumpfung. Wenn Krankheit und Verstümmelung in der gesellschaftlichen Wahrnehmung unvermeidlich und irreparabel sind, werden sie als Teil des Lebens hingenommen, gegen den zu rebellieren sinnlos ist. Dieses Ohnmachtsgefühl schlägt sich ist in meiner Wahrnehmung eher als eine Art Dauernieselregen auf die Literatur nieder, der eine beständige, hintergründige Melancholie erzeugt.

    P.S.:
    Zwanzig Hiebe sind gar nicht nötig. Zehn Wohlgezielte tun es auch. ;o)

  4. northbohemian schreibt:

    Lieber Athanasius,

    wenn du gerade meine geliebten Meyrink und Bierce ins Feld führst, muss ich dir natürlich absolut zustimmen – und zugeben, dass meine Ausführungen stark idealisiert waren. Ohne diese Überzeichnung hätte ich aber wahrscheinlich mein diffuses Gefühl beim Lesen alter Bücher gar nicht in Worte packen können.

    Zudem lebt ja Nostalgie von einer gewissen Naivität. Und wenn man sich in dieser Nostalgie eine gemütliche Parallelwelt eingerichtet hat, muss man natürlich um jeden Preis verhindern, der Tatsache ins Auge zu blicken, dass der verklärte Vergangenheitsrausch ohne jede Grundlage ist. Daran halte ich mich und bin sehr glücklich damit. Neben dieser erfolgreichen Verdrängungstaktik spielt natürlich immer auch ein bisschen die Koketterie eine Rolle, mit solch „pseudo-naivem“ Gehabe ein bisschen zu provozieren.

    P.S. Ich hoffe, in den nächsten Tagen endlich einmal die Zeit zu finden, deine (längeren) Artikel zu lesen. Zum „Nebenbei-Überfliegen“ sind sie mir zu schade.

    P.P.S. Sollte mich aber heute noch ein Bus überrollen, werde ich natürlich dieses Aufschieben in meinen letzten Sekunden bitterlich bereuen und im Rettungswagen nach einem Laptop und einer Internetverbindung schreien (während sich langsam eine Nulllinie andeutet).

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