Winnetou als Fußgänger

Bei der abendlichen Lektüre mit Midori ist mir letztlich ein Buch in die Hände gefallen, für das mein Großvater 1979 die atemberaubende Summe von 26,50 Mark der DDR ausgegeben hat – das dürfte nahezu eine Monatsmiete gewesen sein. Es handelt sich um das wunderschön illustrierte, 238 Seiten dicke und mit DIN-A4 sehr großformatige „Sie alle heißen Indianer“ von Eva Lips.

Sehr ausführlich stellt das Buch alle nordamerikanischen Indianerstämme vor.

Komisch und im Rückblick ein bisschen traurig ist es, wie Eva Lips in diesem Buch allzuoft ideologische Kommentare untergebracht hat (oder unterbringen musste?). Die weißen Einwanderer sind ganz regelmäßig die skrupellosen und grausamen Kapitalisten, die hinterhältig alle Verträge mit den durch die Bank charakterlich tadellosen Eingeborenen brechen. Heimtücke auf Seiten der Indianer wird umgekehrt dann aber sehr wohlwollend als taktische Kriegslist verherrlicht. Jeden im Kampf gefallenen Indianer stilisiert Eva Lips zum Helden, die Tötung bekommt nahezu immer den Status des Meuchelmords verpasst. Befördern umgekehrt die Indianer ihre Gegner in die ewigen Jagdgründe (auch nicht immer auf sehr appetitliche Weise), bleibt dies moralisch unkommentiert, als wären da simple Naturgewalten am Werk.

Alles sehr holzschnittartige Wertungen, die vielleicht nur Eva Lips´ Zugeständnisse an eine gewisse staatliche Erwartungshaltung waren, ein dermaßen großangelegtes Buch über ein so romantisches Thema unbedingt in einen klassenkämpferischen Kontext gestellt sehen zu wollen. Ich vermute nicht, dass Eva Lips selbst das ganze Thema so ideologisiert gesehen hat. Ihr Tonfall scheint mir dafür viel zu intelligent.

Gelernt habe ich in dem sonst an Fakten sehr reichen Buch, dass es sich bei der landläufigen Gleichsetzung des Indianerbildes mit jenem des Prärieindianers zu Pferde um einen ganz schmerzlichen und letztlich ungenauen Mythos handelt. Erstens umfasste die Phase, in welcher den Indianern das Pferd zur Verfügung stand, nur einen historisch sehr überschaubaren Zeitraum von etwa 150 Jahren (gegenüber tausenden von Jahren, die zum Beispiel die Tradition des Ackerbaus in anderen indianischen Kulturen vorzuweisen hat). Zweitens (und der Grund für „Erstens“): Das Pferd war den Indianern gewissermaßen erst von den europäischen Einwanderern gebracht worden. So ist eines der grundlegenden Symbole der indianischen Welt in Wirklichkeit vielmehr eines des absehbaren Untergangs der Indianer selbst gewesen.

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