Vom Himmel fallen Skalpelle

In meiner Nachbarschaft lebt ein junger Mann (ein wirklich „junger Mann“ – ich verwende diesen Begriff sehr selten und nicht so inflationär wie es etwa in Krankenhäusern gern getan wird, wo jeder Patient, der zwei Wochen jünger ist als Heesters, sofort mit diesem Etikett versehen wird). Der junge Mann in meiner Nachbarschaft jedenfalls scheint, soweit ich das beurteilen kann, ein sehr bedachter, vorsichtiger und rücksichtsvoller Mensch zu sein. Alles was er tut, geschieht mit einer um circa 20% verringerten Geschwindigkeit – verglichen mit der durchschnittlichen Geschwindigkeit allgemeinen menschlichen Handelns (das ich in den zurückliegenden Jahren zwar nur empirisch, aber meines Erachtens trotzdem mit ausreichender Gründlichkeit ermittelt habe).

Wirklich überhand nimmt die phlegmatische Gründlichkeit meines namenlosen Freundes aber, wenn er seine Betten ausschüttelt. Dazu stellt er sich auf seinen Balkon, von dem er – da sehr exponierter Balkon – die gesamte Piazza übersehen kann. Aber er stellt sich nicht einfach nur hin. Es ist eine streng militärisch anmutende Grundhaltung, die er da einnimmt. Ich habe es mittlerweile an die zwanzig Mal gesehen. Die Haltung ist immer gleich. Er greift die auszuschüttelnde Textilie, sei es ein Bettlaken, ein Handtuch oder ein kleinerer Teppich fest an zwei Ecken, seine Füße stehen circa dreißig Zentimeter auseinander und vermitteln seinem Körper nun wohl die größtmögliche Stabilität, die menschliche Füße einem menschlichen Körper überhaupt vermitteln können. So hingestellt, erstarrt er dann für etwa fünf Sekunden. Dann kommen die Schulterblicke, links in die Gasse hinein, rechts in die Gasse hinein. Er schaut genau hin. Naht auch niemand, der von den herabfallenden Krümeln belästigt werden könnte? Ich denke, vielleicht hat der Mann ja eine Sammlung von exotischen Messern und gleichzeitig den Zwangsgedanken, eines dieser Messer – ein besonders scharfes und spitzes dazu – könnte sich in seinem Teppich versteckt haben. Dann würde ich ihn verstehen.

Auf ähnliche Weise haben wir übrigens Midoris IKEA-Teddy eingebüßt (der eventuell mitlesende Eric mag uns verzeihen). Das war ein Dilemma aus zweierlei Gründen: Erstens: diese Teddies näht mein guter Freund Ingvar nämlich mittlerweile nicht mehr. Zweitens: es war Midoris absoluter Lieblingsteddy, musste überall hin mit und war für das Einschlafen unentbehrlich. Der Versuch, ihr einen weitgehend baugleichen Teddy aus dem Arsenal ihres Cousins Anton als den ihren unterzujubeln, scheiterte kläglich: „Anderer Teddy!“

Zurück zum „jungen Mann“! Was ich sagen will: Ich kann gut nachvollziehen, dass man als Besitzer einer Messersammlung einen derartigen Zwangsgedanken entwickelt (der in der fiebrig imaginierten BILD-Schlagzeile von der alten Oma gipfelt, die drei Tage mit einem Skalpell im Kopf herumgelaufen und außerirdische Botschaften empfangen… etc. etc. etc.). Wenn ich aber mit meiner Meinung richtig liege, dann macht er es meiner Ansicht nach nicht gründlich genug. Einen etwa tempomäßig auf der Basis des aktuellen Weltrekordes im 100-m-Sprint heraneilenden, anderen jungen Mann mit besonders leisen Laufschuhen erfasst er mit seinen Schulterblicken in die Gassen hinein keineswegs mit absoluter Sicherheit. Auch aus einem der geparkten Autos heraus könnte blitzschnell jemand herausspringen und unter seinen Balkon treten (auf dem er gerade exakt abgezählt zehnmal seinen Teppich aus- und das Skalpell herausschüttelt). Und was wäre, wenn jemand im Tarnumhang unterwegs ist, den er gar nicht sehen KANN.

Er muss das gründlicher machen. Zweifellos. Ich muss ihn ansprechen. Wenn schon Zwangshandlung, dann richtig. Er muss auf die Straße hinaus, schauen, dass niemand in einem der Autos sitzt und aussteigen könnte. Er muss Warnschilder aufbauen, hoch in seine Wohnung gehen, wieder umkehren, ob die Warnschilder noch da sind, wieder hoch in die Wohnung, wieder umkehren, ob… etc.

Wenn er das liest und wenn er mich zuordnen kann… wird er mich töten. Mit einem seiner Skalpelle, nehme ich an.

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