Bezahlter Eremit – welch ein Traumjob!

Ich bin nicht unbedingt ein großer Anhänger Paul McCartneys, aber die Hookline seines „English Tea“: „Miles and miles of English garden, stretching past the willow tree …“, mittags im Radio gehört, will für einen ganzen Tag nicht aus meinem Kopf.

Als Sohn einer Landschaftsarchitektin weiß ich so ungefähr, was ein englischer Garten ist: vereinfacht gesagt eine nicht sklavisch der Geometrie folgende, bis in den Wahnsinn hinein symmetrische Bepflanzung (wie es bei Barockgärten ja bis zur totalen Hässlichkeit und Sterilität der Fall ist), sondern stattdessen scheinbar zufälliger Wildwuchs, die natürliche Umgebung intelligent integrierend.

Auf Wikipedia (denen ich letzterdings nicht mehr ganz traue, aber bei solch einem unverfänglichen Thema …) lerne ich, dass es im 18. und frühen 19. Jahrhundert absolut Mode war, in diesen englischen Landschaftsparks romantisierte Grotten und sogar Einsiedeleien unterzubringen. Letztere wollten bewohnt sein, so gab es den Beruf des professionellen Eremiten (oder: Schmuckeremiten). Per Vertrag hatten diese nichts weiter zu tun, als in ihrer Einsiedelei für einen festgelegten Zeitraum zu leben, sich ab und an ihren Vertragspartnern zur Unterhaltung zu zeigen und – wie man es von Eremiten wohl erwartete – die Körperpflege zu vernachlässigen.

Abgesehen vom letzten Vertragspunkt (aber auch das wäre finanziell ausgleichbar) muss man festhalten: dass bestimmte Berufe aussterben, ist eine unabänderliche Begleiterscheinung des – sogenannten – technologischen Fortschritts. Der Verlust eines Berufsbildes wie jenes des Schmuckeremiten ist aber dann doch viel mehr. Ich würde sagen, eine kulturelle Bankrotterklärung.

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2 Gedanken zu “Bezahlter Eremit – welch ein Traumjob!

  1. maidlyn schreibt:

    Obstsalat?
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    Das Berufsbild des Schmuckeremiten ist ausgestorben? Ich denke nicht!
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    Zumindest das australische Tourismusamt Queensland investiert erwiesenermaßen noch in diese Art von Kultur, wie sich diese Woche aus den Medien unschwer entnehmen ließ. Aber auch verschiedene deutsche Städte lassen sich diesbezüglich nicht lumpen: Die Bezeichnungen „Inselwart“ oder „Stadtschreiber“ (Komma, Potsdamer), sowie die Einrichtung von sogenannten „Künsterldörfern“ (z.B. Schöppingen) sind lediglich eine Modernisierung und dienen zur Verschleierung dieser Tatsache.
    .
    Es wäre ja auch äußerst unangemessen, würde man gewisse Privatsender oder gar Webseitenbetreiber verdächtigen, mit der Einrichtung von Kameraüberwachten Studentenwohnungen (oder BB-Containern) keiner Perversität der Neuzeit zu frönen, sondern lediglich eine schon seit Jahrhunderten praktizierte – darum aber nicht minder fragwürdige – Tradition wieder aufleben zu lassen.
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    Die Fragen, die mich in diesem Zusammenhang nicht loslassen wollen, sind eigentlich vielmehr:
    An welcher Stelle hören „Picturesque“ und „Romantik“ auf und wo fängt Voyeurismus an? Welche Rolle spielt dabei die Höhe der Entlohnung des „Schmuckeremiten“? Oder vergleiche ich hier gerade Äpfel mit Birnen…?

  2. northbohemian schreibt:

    Keineswegs. Du denkst nur konsequent zu Ende.

    Ich weiß auch nicht, warum ich es zwar im Laufe eines jeden Tages bis zum Abend mühsam schaffe, mir zu verdeutlichen, dass meine geliebten verflossenen Epochen auch nicht besser waren als dieses komische 2009 – es über Nacht aber immer wieder vergesse und an
    jedem neuen Morgen mit frisch vernebeltem Kopf erwache.

    Das ist bei mir so eingebaut.

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