Revisiting Klemperer

Wahrscheinlich würde mir Victor Klemperer schon für die Wahl meiner Überschrift die Ohren langziehen. Denn nie zuvor habe ich so scharfsinnige Analysen sprachlicher Verkrüppelungen gelesen wie in Klemperers „LTI“ – seinem Standardwerk zur „Lingua Tertii Imperii“, der Sprache des Dritten Reiches.

„Sprache ist mehr als Blut“: dieses Zitat Franz Rosenzweigs stellt Klemperer (1881-1960) seinen Aufzeichnungen aus den Kriegs- und Nachkriegsjahren voran.

Und der während der nationalsozialistischen Diktatur praktisch mit Berufsverbot belegte jüdische Sprach- und Literaturwissenschaftler Klemperer, den nur seine Ehe mit einer „Arierin“ vor der Deportation bewahrt, entlarvt in überzeugender Klarsicht, in welcher unheimlichen Wechselwirkung sich Sprache und Gesellschaft befinden, welche Dynamiken sich entwickeln und wie sich letztlich die Wahrnehmung der Realität verzerrt und Selbstbetrug zur Norm wird. Klemperer bemerkt dabei sehr wohl, dass die geschaffenen Wortungetüme das Regime überlebt haben. Den Menschen in ein mechanistisches Bild zu pressen, hat in sprachlicher Hinsicht das Dritte Reich bis heute überlebt: Noch immer wird etwas „angekurbelt“, „verankert“, man hat eine „Einstellung“, etwas läuft auf „Hochtouren“, man ist jederzeit voll „ausgelastet“.

Das mögen die subtileren Elemente der LTI sein, brutal und direkt ist dagegen die höhnische Herabsetzung politischer Gegner durch die ausgiebige Verwendung ironischer Gänsefüßchen: Einstein ist ein „Forscher“, Rathenau ein „Politiker“, Churchill ein „Staatsmann“. Das zuvor negativ besetzte Wörtchen „fanatisch“ wird in seiner Bedeutung invertiert, alles wird „groß aufgezogen“, jede Banalität ist „ewig“ und/oder „historisch“.

Klemperer erbringt den Nachweis – und das sehr plausibel – dass der Nationalsozialismus seine Wurzel letztlich in der deutschen Romantik hat:
“ – Wir fliegen hoch und sinken umso tiefer – Der entscheidende Charakterzug der deutschen Geistesbewegung heißt Grenzenlosigkeit.“

Am konkreten Beispiel und souverän aus intellektueller Warte berichtet Klemperer über den jüdischen Alltag im nationalsozialistischen Dresden und so ist „LTI“ wie kein anderes Buch geeignet, diese Zeit zu demaskieren: „Der Wille zur Totalität brachte ein Übermaß der Organisationen bis hinab zu den Pimpfen mit sich, nein, bis hinab zu den Katzen: ich durfte dem Tierschutzverein für Katzen keinen Beitrag mehr zahlen, weil im „Deutschen Katzenwesen“ – wahrhaftig, so hieß jetzt das zum Parteiorgan gewordene Mitteilungsblatt des Vereins – kein Platz mehr war für artvergessene Kreaturen, die sich bei Juden aufhielten. Man hat uns denn auch später unsere Haustiere: Katzen, Hunde und sogar Kanarienvögel, weggenommen und getötet, nicht in Einzelfällen und aus vereinzelter Niedertracht, sondern amtlich und systematisch und das ist eine der Grausamkeiten, von denen kein Nürnberger Prozeß berichtet und denen ich, läg´es in meiner Hand, einen turmhohen Galgen errichten würde, und wenn mich das die ewige Seligkeit kostete.“

Es ist faszinierend zu beobachten, wie Klemperer der Primitivisierung der deutschen Sprache mit eben dieser deutschen Sprache in brillanter Form, immer souverän und angemessen emotional zu Leibe rückt. Ein einziges Mal verbiegt sich der fast Siebzigjährige: In seinem Wunsch, in der Aufbruchsstimmung der Nachkriegszeit die sowjetischen Sieger tatsächlich als Heilsbringer sehen und das Anbrechen einer ähnlich düsteren Zeit nicht sehen zu wollen, erkennt er zwar die Verwandschaft von Lenins fürchterlichem Begriff vom „Dichter als dem Ingenieur der Seele“ mit dem mechanistischen Vokabular der Nazis, deutet dies aber – wenig überzeugend und sicher zum Teil gutmeinend selbstbetrügerisch – als in diesem Fall „in die Freiheit weisende“ Variante.

Seine Tagebücher späterer Jahre verraten sehr wohl, dass er diesen Irrtum als solchen wahrgenommen hat und die Parallelen zwischen den Regimen nun wieder ganz deutlich erkannt hat.

„LTI“ zu lesen, bedeutet zwangsläufig, für Sprache ein feineres Gespür zu entwickeln, manipulative Stereotype auch in unserer heutigen Sprache mit nahezu allergischer Reaktion wahrzunehmen. In diesem Sinne ist „LTI“ ein absolut zeitloses Buch: es warnt vor der Dummheit der Menschen und es zeigt, mit welch ungeheuerlicher Macht die Sprache am Ende sogar die Realität deformieren kann.

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