Jeder, den wir verhaften, ist grundsätzlich schuldig.

Es gehört zu meinen Lieblingsgedankenspielereien, mir auszumalen, Kafka wäre nicht von der Tuberkulose dahingerafft worden, hätte den Holocaust überlebt (… wie auch immer – keine seiner Schwestern hat das geschafft) und sein Leben hätte vielleicht noch genug Schnittmenge mit meinem Leben gehabt, so dass ich ihn hätte treffen können. Auf jedem Friedhof inspiziere ich die Gräber der um 1883 Geborenen und stelle mir bei den nahezu Hundertjährigen vor, das könnte – theoretisch – Kafka gewesen sein.

Ganz ohne unseren Neustädter Friedhof für meine Obsession zu nutzen, habe ich jetzt einmal den Jahrgang 1883 bei Wikipedia einer kleinen Betrachtung unterzogen: Katia Mann, die Frau Thomas des Großen, ist im selben Monat wie Kafka geboren und ihr hätte ich als Siebenjähriger theoretisch noch begegnen können … Ein Dialog wäre aber auch dann unwahrscheinlich gewesen: wohl mehr meiner unverzeihlich kindlichen Interessen als ihrer Altersdemenz geschuldet. Obwohl: vielleicht wäre genau das die perfekte Kombination für eine entspannte Konversation gewesen.

Ich schweife ab auf Wikipedia: Ebenfalls im Jahre 1883 ist Semjon Michailowitsch Budjonny geboren. Jeder, der seine ersten Schuljahre in einem ostdeutschen Klassenzimmer verbracht hat, wird eine vage Erinnerung an diesen Namen haben. Budjonny war General im russischen Bürgerkrieg von 1918 bis 1921 und seine Reiter Bestandteil jeder dritten Bildergeschichte der DDR in den Endsiebzigern (ich will das Wort „Comic“ nicht verwenden). Oh, wie haben mich diese Bilder beeindruckt! Heroisierend, nur aus der Froschperspektive betrachtbar, in bester brekerscher Tradition idealisiert gezeichnet, nahmen die muskelbepackten Brustkörbe der Pferde einen Großteil der gezeichneten Fläche ein. Auf den Pferden dann junge, ernste Helden in Uniform. Wieder der reinste Breker. Das hat dem Autor dieses Textes – der sich das fasziniert und mit großen Augen in seinem Kindergarten auf der Dresdner Williamstraße anschaute – wohl einen Fetisch fürs Leben mitgegeben.

Ich inspiziere also Budjonnys Biografie und bin wieder einmal geschockt von den Ausmaßen des stalinistischen Terrors – warum eigentlich jedes mal aufs neue? Ich weiß es ja eigentlich.

Im Zuge der stalinschen Säuberungen hilft Budjonny als Militärrichter, seinen „Kollegen“ Marschall Tuchatschewski, den „roten Napoleon“, zu beseitigen. Mit von der Partie ist hierbei NKWD-Chef Jeschow. Und wie ich so die Person Jeschow beleuchte, wird mir die ganze Hysterie und der Wahnsinn jener 30er Jahre in Moskau bewusst: So wie Jeschow seinen Vorgänger in der Führungsposition des NKWD, Genrich Jagoda, ans Messer lieferte, wurde er später selbst wiederum von seinem Nachfolger Lawrenti Beria dem Henker übergeben. Ein paranoides Spiel ohne Gewinner.

Beria ist ein Kapitel für sich. Ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Sadisten völlig freie Hand bekommen und sich wie in einem perversen Schlaraffenland fühlen müssen, am Ziel ihrer Träume. Ich zitiere Wikipedia:

So verfügte Beria in jedem Moskauer Gefängnis über ein Büro, in dem er Folterungen von Verhafteten beiwohnte. Mit Wissen Stalins gingen diese Folterungen in Berias Privathaus weiter und wurden von Beria persönlich vorgenommen. 1980 wurden in einem unterirdisch verlaufenden Gang zwischen seinem Haus und der Unterkunft seiner Leibwächter menschliche Skelette aufgefunden.

Beria, der später – angeblich – behauptete, Stalin vergiftet zu haben, überlebte den Diktator um kein Jahr. Ob er noch im Juni 1953 in seiner Dienstwohnung erschossen oder im Dezember 1953 hingerichtet wurde, lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen.

„Jeder, den wir verhaften, ist grundsätzlich schuldig.“ (Lawrenti Beria)

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