Nacktfotos von Daniel Kehlmann – oder – Fitzeks Geheimnis

„Ich denke, die sind echt. Original so fotografiert. Keine Montagen, kein Photoshop.“

Wir befinden uns im Hinterzimmer einer Kneipe und fettiger Bratendunst erschwert die Orientierung. Wir sind zu dritt: Ingvar, der Experte und ich. Der Experte hat seine Promotion an einer obskuren indischen Universität im Fach Verschwörungswissenschaften über die Bühne gebracht. Dieses Fach wird wohl nur dort gelehrt und wie das alles so klingt – so sieht Professor Haberer auch aus: in seinen langen Rauschebart könnte er sich dreimal einwickeln.

Ingvar zoomt im 17-Zoll-Display seiner Digitalkamera an jeden noch so kleinen Ausschnitt der Fotos heran. Es handelt sich um jene Aufnahmen, die wir in Sebastian Fitzeks Schlafzimmer vom Inhalt der kleinen, türkisfarbenen Geldkassette anfertigen konnten: Nacktfotos von Daniel Kehlmann. Inszeniert im Stil einer römischen Orgie. Alles passt ganz stimmig zu Kehlmanns Physiognomie.

„Was macht das bei Fitzek im Schlafzimmer?“, frage ich Ingvar.

„Nun, zuerst dachte auch ich lediglich an eine genreübergreifende Romanze der beiden Jungstars. Dann fiel mir ein länger zurückliegendes Gespräch mit unserem sehr verehrten Professor Haberer wieder ein. Vor vielen Jahren war, das. In Reykjavik, wenn ich mich nicht irre. Es war hundekalt und wir haben entsprechend gesoffen.“

Haberers Augen beginnen in freudiger Erinnerung zu glänzen: „Ja, und da habe ich Ihrem Freund Ingvar von den verschiedensten Geheimbünden dieser Welt erzählt. Erst von den bekannteren – was ja angesichts des Namens „Geheimbund“ irgendwie paradox ist – und dann von den wirklich geheimen.“

„Und?“

„Es ist schwer, da ranzukommen und verlässliche Informationen zu bekommen. Die Bruchstücke, die mich erreicht haben, lassen den Schluss zu, dass es seit Jahrhunderten ein geheimes Projekt der verschiedensten Schriftsteller gibt, gemeinsam den ultimativen Roman zu schreiben. Deshalb nennen sie sich auch „Opus Maximum“.“

„Und da treffen sie sich dann heimlich und kritzeln jeder ein paar Sätze hin?“

„Nein, nein!“ Haber hebt beschwörend die Hände. Offensichtlich verletzt ihn mein Pragmatismus zutiefst. „Soweit ist man da natürlich noch nicht. Man ist durchaus noch ausschließlich bei den theoretischen Vorbereitungen und ich denke, den Herren Schriftstellern ist durchaus klar, dass sie sich ihrem Ziel wie einer jeden endgültigen Wahrheit nur relativ annähern können. Nichtsdestotrotz versuchen sie es. Sogar Goethe soll schon dabei gewesen sein.“

„Und gibt es denn schon Einigung darüber, wie – ganz theoretisch – der ultimative Roman aussehen soll?“

„Oh ja! Durchaus. Der ultimative Roman – so haben sie es wohl auch in ihrem Statut stehen – führt entweder zur absoluten Erleuchtung des Lesers, zu seinem sofortigen und unwiderruflichen Irrsinn oder zu seinem Tod durch Herzstillstand. Durch Ergriffenheit, Schock, Erschrecken … wie auch immer.“

„Na, dann hoffe ich mal, dass dieses Buch nie geschrieben wird.“

„Darüber kann man streiten. Unbestreitbar wäre es der größtmögliche Beweis an Macht, den die Literatur erbringen könnte.“

„Und daran arbeiten Fitzek und Kehlmann …“

„Offensichtlich. Und nicht nur diese beiden.“

Ingvar räuspert sich: „Und warum die Nacktfotos?“

Professor Haberer lächelt und leckt in aufreizender Langsamkeit seine Suppenschüssel aus. Er genießt es, uns auf die Folter zu spannen. „Es hat Tradition bei Opus Maximum, dass jeder Schriftsteller belastendes Material eines anderen Schriftsteller zur Aufbewahrung erhält – nach einem solchen System, dass keiner weiß, wer wessen Fehltritte kennt. Damit soll Stillschweigen nach außen erzwungen werden. Plaudert einer, hat jener Schriftsteller, der dessen „Pfand“ aufbewahrt, das Recht, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“

„Fitzek kontrolliert also Kehlmann. Und irgendein Unbekannter kontrolliert wiederum Fitzek.“

„Genau.“

„Da haben wir ja wieder etwas dazugelernt. Ich bestell uns mal drei Bier.“

Ich habe mich schon erhoben und will nach vorn in den Schankraum, als mich Haberer mit einem geisterhaften Heben seines linken Zeigefingers in meiner Bewegung innehalten lässt: „Etwas nicht Unwichtiges habe ich noch gar nicht erwähnt. Ich denke, sie beide waren sehr vorsichtig – bei ihrem Ausflug nach Berlin.“

„Ich denke schon“, sagt Ingvar. „Warum?“

„Die Gründungsväter von Opus Maximum haben damals vor dreihundert Jahren eine recht blutrünstige – wenngleich wohl romantisch gemeinte – Strafe für diejenigen festgesetzt, die sie Spione nennen.“

„Sie meinen …“

Haberer fährt sich wichtigtuerisch durch den Bart und seine Augen werden groß wie Pizzateller: „… die Todesstrafe. Jawohl.“

… Fortsetzung hier ->

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3 Gedanken zu “Nacktfotos von Daniel Kehlmann – oder – Fitzeks Geheimnis

  1. Athanasius Frost schreibt:

    Mein lieber North Bohemian,

    falls du den Anschlägen des Opus Maximum bisher entgangen sein solltest, nimm dich vor Frau Pelzer in Acht!

    „(…) im Dach Verschwörungswissenschaften (…)“

    Andererseits – vielleicht bin ich einfach zu naiv? Wahrscheinlich seid ihr beide hochrangige Mitglieder des wahren, verborgenen Opus Maxissimum und diese Artikel sind lediglich eine raffinierte Tarnung, nur dem Eingeweihten durch die subtile Anspielung auf die Paranoia der Stalin-Ära durchschaubar…
    Und warum ist in Ingvars Filialen ein reger Buchtausch im Gange? Das hat nichts mit Dekoration oder Kundenservice zu tun, nicht wahr?

  2. northbohemian schreibt:

    Lieber Athanasius,

    „Dach Verschwörungswissenschaften“ – das klingt an sich schon wieder hübsch kryptisch. Danke für den Hinweis. Ich werde es noch schnell korrigieren, bevor Frau Pelzer hier mit einem Sondereinsatzkommando durchs Fenster springt.

    Dass Ingvar in seinen Filialen mit Büchern handelt, muss nichts heißen. Jeden Tag versucht er, die Verkaufsräume und Regale mit Panzern, vollautomatischen Waffen und Bombenbausätzen zu füllen – und kann immer noch im letzten Moment von seinen Angestellten gebremst werden. Er würde schlichtweg mit ALLEM handeln.

    Aber ich werde ihn wohl in nächster Zeit ein wenig genauer beobachten.

    Mir hingegen kannst Du bedingungslos trauen: ein Opus Maxissimum gibt´s nicht. Da kann ich Dich beruhigen.

    Andererseits … Falls doch … Dann gnade uns Gott!

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