„Wegen Dir“ – oder – wie sich die sächsische FDP die Stimmen der Unterschicht sichert

Torsten Herbst hat es selbst zugegeben: die grammatisch eigentlich falsche, vom DUDEN aber angeblich alltagssprachlich abgesegnete Formulierung „Wegen Dir“ auf den Plakaten der sächsischen FDP sei bewusst „wegen der höheren Emotionalität“ gewählt worden.

Wir lernen also: emotionale Ansprache rechtfertigt problemlos die Nivellierung nach unten – auch in sprachlicher Hinsicht. Ganz emotional beißt man auch zurück gegen die kritisierende SPD, denen man gern die „hochgestochene Politikersprache“ überlasse. Damit meint man – zumindest legt der konkrete Fall es nahe – die korrekte deutsche Grammatik. LTI lässt grüßen.

Die Anbiederung an das Prekariat setzt sich aber auch bei der Bildsprache der Plakate fort. Förmlich kann ich den hinter dem Grafiker stehenden Herrn Zastrow befehlen hören: „Klatsch einfach ein Foto von einem Baby rein. Wenn man ihre Brut glorifiziert, das gefällt denen. Das ist … ähm … emotional!“

Der Grafiker hat wahrscheinlich geantwortet: „Hier habe ich eines mit einer Nuckelflasche …“

Zastrow: “ Bestens!“

Was niemand im siebenundwanzigtausendköpfigen Beraterstab der sächsischen FDP bemerkt hat oder bemerken wollte: einen Säugling im durchaus stillfähigen Alter mit einer Nuckelflasche abzubilden, ist in Zeiten, in denen das Stillen aus verschiedensten Gründen (unter anderem dem geförderten Bindungsverhalten – aber was interessiert die sächsische FDP irgendein Bindungsverhalten außer dem an ihre eigene Partei) sogar offiziell von der WHO händeringend empfohlen wird, dermaßen instinktlos, dass es mit der nach unten nivellierten verbalen Ansprache durchaus korrespondiert. Zumindest wird Flaschennahrung gewissermaßen als Standard kommuniziert. Eigentlich fehlt im Bildhintergrund nur noch ein riesiger LCD-Fernseher, mit dem das Prekariatsbalg beschallt wird. Ganz sicher Alltag in sächsischen Unterschichtsfamilien, die jetzt so emotional angesprochen die FDP in Sachsen auf geschätzte 12% bringen werden.

Aber natürlich ist das Stillen von Kindern ein absolutes Thema für Weicheier und taucht im Universum der hedonistischen Eliten der FDP mit Sicherheit nicht auf. Gratulation nur für die aus einem tiefsten Unbewussten heraus absolut zielsicher erfolgte, superpräzise Ansprache der richtigen Klientel (einer Klientel, die letztlich aber nur Steigbügelhalter sein kann für Leute, von denen sie eigentlich verachtet wird).

wegendir

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Ein Gedanke zu “„Wegen Dir“ – oder – wie sich die sächsische FDP die Stimmen der Unterschicht sichert

  1. Athanasius Frost schreibt:

    Du wirst also nicht FDP wählen?…

    Eigentlich wäre eine Mutterbrust im Bild sogar noch besser gewesen – Sex sells, und auf diese Weise hätte das Plakat den noch nicht familierten männlichen Teil der Unterschicht sowohl angelockt als auch aufgeklärt.

    In Sachen klarer politischer Botschaften empfehle ich übrigens auch die oberbergische CDU: „Wir sind stark genug für starke Familien.“
    Kunststück, nicht wahr? Oder ein SDP-Klassiker zur Europawahl: „Heiße Luft würde PDS wählen.“ Freut mich, dass die Sozialdemokraten mit so einem klaren Programm ins Rennen gehen.

    Aber nicht vergessen: Demokratie ist die Herschaft des Volkes, nicht die des Verstands. In diesem Sinne erleben wir ein traumhaftes Beispiel für Wahlkampf. Wie Ephraim Kishon so schön sagte:

    „Demokratie ist die beste Regierungsform, weil sie es erlaubt, die Regierung ungestraft zu beleidigen.“

    Andere Vorteile sehe ich allerdings auch nicht.

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