Winnetou beim Quidditch

Es muss ungefähr so gewesen sein: Die Herren vom Vorstand der Karl-May-Gesellschaft hatten sich die Hörgeräte auf volle Lautstärke gedreht und die Herzschrittmacher mit frischen Batterien ausgestattet. Schließlich sollte eine Hiobsbotschaft folgen. Das Licht war gedämpft. Krisensitzung …

Nur noch zehn Prozent der Schüler lesen Karl May, wurde verkündet. Das will dem neutralen Beobachter ganz passabel erscheinen – angesichts eines seit fast einhundert Jahren toten Autors und der überbordenden Möglichkeiten, sich im Jahre 2009 auch abseits der Literatur und digital die Zeit zu vertreiben.

Aber hier in Marburg schien diese statistische Notiz der Verkündigung des nahen Weltenendes gleichzukommen. Der Leidensdruck war groß. Man reichte Alkohol und Antidepressiva zur Schadensbegrenzung. Mit unbeabsichtigten Nebenwirkungen.

Man könne doch, wurde laut überlegt, an Karl Mays Stil etwas herumbasteln, seine Sprache modernisieren. Auch das will dem Beobachter nicht einleuchten: warum unterstellt man dem Leser, nicht in der Lage zu sein, die zeitgeschichtliche Atmosphäre, die sich zwangsläufig in der Sprache von Literatur niederschlägt, intelligent zu reflektieren? Aber egal … Hier in Marburg funktionierte die Sache mit dem Alkohol und man war begeistert. Unbedingt müsse man bei der Modernisierung darauf achten, dass in jedem Karl-May-Band spätestens auf der dritten Seite in irgendeinem – wie auch immer zusammengewurstelten – Zusammenhang Twitter oder Facebook erwähnt werde, hieß es. Man war begeistert, sprang aus den Rollstühlen und tanzte auf den Tischen. Der Kronleuchter wurde angeworfen.

Härtere Drogen samt Spritzbestecken wurden verteilt.

Man überlegte laut, ob nicht vielleicht und eventuell Karl May vom Hype um Harry Potter profitieren könne. Wieder wundert sich der unbeteiligte Beobachter. Nimmt man an, der klassische Harry-Potter-Leser klappe Band 7 zu und schreite dann zum Bücherregal und denke: „Gibt es vielleicht noch andere Schriftsteller außer Joanne K. Rowling? Sollten noch andere Bücher existieren, in denen sich Schrift befindet? Mal überlegen … Irgendwie fällt mir jetzt nur Karl May ein.“

Haben sie sich das so gedacht in Marburg?

Meine Vergleiche hinken für gewöhnlich, aber die Vorstellung klingt für mich genauso plausibel, als schlussfolgere man, dass sich jemand mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit demnächst einen Schäferhund anschaffen werde, nur weil er einmal einen Pudel besessen habe.

Vielleicht würde ja endlich jemand vorschlagen, in einer Guerillaaktion beim Carlsen-Verlag die Druckplatten zu vertauschen und sämtliche Harry-Potter-Bände mit Querverweisen zu Karl May zu unterwandern.

Aber mittlerweile sah es in Marburg nicht mehr so aus, als wäre noch irgendetwas Konstruktives zu erwarten. Der Alterspräsident schob Tische und Stühle zur Seite, zog die Socken aus und rannte quer durch den Saal die 100 Meter in 8 Sekunden.

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