Im Schwarzen Adler – oder – die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 6

Was bisher geschah: Ingvar war so clever gewesen, seine Entführung vorherzusehen und mir einen Brief mit Instruktionen zukommen zu lassen. Unter anderem sollte ich jene im IKEA-Management einer mit dem Leben nicht zu vereinbarenden Verletzung anheimfallen lassen, die während seiner Abwesenheit für die Einführung der Verdana gesorgt hatten – einer grässlichen und mit dem typischen IKEA-Tonfall ganz und gar nicht korrespondierenden Schriftart. Gegen diesen blutrünstigen Befehl sträubte ich mich noch ein bisschen, das würde ich ein wenig aufschieben. Wichtig war für mich momentan nur, Ingvar zu retten. Diese Dringlichkeit empfand ich nicht nur aus völlig uneigennützigen Gründen: ich hatte routinemäßig nach Ronaldo und Kaká sehen wollen und die beiden in Ingvars Appartement völlig dehydriert und verhungert vorgefunden. Sie hatten sich verbissen mit dieser Primzahlgeschichte befasst und darüber komplett das Essen und Trinken vergessen. Fußballer … Ich hatte sie mit zu mir genommen, wo sie umgehend damit begannen, meine Wände mit ihren Primzahlen vollzuschmieren. Ich wollte sie wieder loswerden – und dazu musste ich Ingvar finden. Glücklicherweise hatte mir Ingvar vorausschauend einen Helfer an die Seite gestellt: den Verschwörungstheoretiker Haberer.

Wir treffen uns im „Schwarzen Adler“, einer Kneipe im Dresdner Hechtviertel, die sich in den letzten dreißig Jahren nicht verändert hat. Am Eingang wird jeder erschossen, der Turnschuhe an den Füßen hat – das gefällt mir.

Haberer hat Ingvars Scheck offensichtlich umgehend eingelöst, er trägt einen dunkelgrünen Kaschmirmantel mit silbernen Pailletten und Swarowskikristallen am Kragen, dazu eine ebenfalls sehr teuer aussehende burgunderfarbene Samthose. Kein Vergleich zu den Lumpen, in die er letztens gehüllt gewesen war. Auch seinen Bart hat er sich professionell kürzen lassen.

„Gib nicht alles auf einmal aus“, sage ich. Er überhört es.

Ich erzähle ihm, was mir Ronaldo und Kaká von der Entführung berichtet hatten. Haberer schnaubt verächtlich: „Pferdekutsche! Habe ich richtig gehört?! Pferdekutsche?! Oh ja, sie lieben es theatralisch.“

Ich sage ihm, dass ich bei der Erwähnung des Behaarten zuerst an Reinhold Messner habe denken müssen. Da sei natürlich unmöglich, ergänze ich selbst. Aber irgendwie hätte ich das Gefühl, trotzdem – ganz diffus – zu ahnen, wer es sein könnte. Wenn nicht Reinhold Messner, dann jemand, der mich an Reinhold Messner erinnert.

Wir bestellen einen Liter Wein, der nach Pandemrix schmeckt.

„Er hatte einen Bart? Das bringt uns weiter, denke ich …“ Haberer hat einen lächerlich kleinen Zettel vor sich hingelegt und kritzelt ein Strichmännchen mit massiver Gesichtsbehaarung darauf.

Als es mir endlich einfällt, verliere ich die Kontrolle über meine Gesichtsmuskulatur – Rotwein läuft mir die Mundwinkel hinab: „Ich weiß es! Waldschlösschenbrücke! Der Mann auf dem Baum! Rosenlöcher!“

Haberer streckt und dehnt sich auf seinem Schemel – die personifizierte Langeweile. „Natürlich Rosenlöcher. Wer denn sonst. Das war doch klar.“ Ich weiß nicht, ob er blufft oder tatsächlich nicht weiter überrascht ist. Er klappt sein Laptop auf und schreit zum Wirt rüber: „Leopold, geht dein WLAN?“

Die Antwort ist stark genuschelt und kaum zu verstehen. Wohlwollend ausgelegt kann man ein „Natürlich, immer!“ heraushören. Es klingt aber eher nach: „Schnauze, ihr Spinner!“

Haberer drückt sich die 12-Dioptrien-Brillengläser so stark in die Höhlen, dass es nur noch Sekunden dauern kann, bis seine Augäpfel platzen. Dann beugt er sich bis auf wenige Zentimeter an das Display heran und geht online. Er tippt schnell und scheint zu wissen, was er sucht. Zwischendurch zeigt er lachend auf die Tastatur: „Das kleine i und das kleine k gehen wieder. Hatte ich Kaffee drüber geschüttet. Hat sich aber wieder erholt, die Gute.“

Seit wann ist ein Laptop weiblich?

Dann hat er gefunden, was er sucht. Er zerrt mich vor das Display und spricht jetzt nur noch im Flüsterton: „Wir kommen der Sache näher. Siehst Du hier – die Grundstücksverkäufe der letzten Monate. Der Herr Rosenlöcher hat sich ein nettes Häuschen gleich beim Blauen Wunder gekauft. Das wäre allein nicht weiter verdächtig – obwohl – von seinen drei Gedichten in zehn Jahren? Aber egal … jedenfalls ist es nicht irgendein Haus. Sebastian-Bach-Straße 22. Sagt dir das was?“

Seine von den Brillengläsern auf Knopfgröße verkleinerten Augen schauen mich prüfend an.

„Karl May?“, frage ich.

Haberer drückt mir seinen rechten Daumen gegen die Brust: „Genau. Der einzige erhaltene Wohnsitz in Dresden. Wie gesagt, die Typen von Opus Maximum mögen es bedeutungsschwanger.“

„Und nun?“

Haberer leert sein Glas mit einem gierigen Schluck und gießt sich die Hälfte davon in den Bart. „Wir steigen dort ein. Morgen früh um drei, schlage ich vor. Treffpunkt Schillerplatz. Uhrenvergleich?“ Er schiebt seinen Mantelärmel hoch und eine Arnold & Son True North Perpetual springt mich an.

„Gib nicht alles auf einmal aus …“, murmele ich noch einmal – mehr für mich als für ihn.

… Fortsetzung hier ->

P.S. Sebastian Fitzek, eine zentrale Figur dieses Abenteuers, ist in der „realen Welt“ auf diesen Blog gestoßen. Netterweise reagierte er weder mit einer Abmahnung noch einer Unterlassungserklärung oder irgendeinem anderen juristischen Geschütz (… gut, er kennt den Rest der Geschichte nicht). Stattdessen hat er alle bisherigen Folgen meiner kleinen Trashoperette auf seiner Seite verlinkt. Das ist sehr generös. Ich habe mir erlaubt, seine Nummerierung aufzugreifen.

Nun muss nur noch IKEA weiterhin die Füße still halten …

P.P.S. Wie brutal muss ich in den nächsten Folgen mit der Figur des Sebastian Fitzek umspringen, um jeden Verdacht der Korrumpierbarkeit von mir abprallen zu lassen? Ich befürchte, sehr!

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