Hoyzer 2.0 – oder – heute morgen beim DFB …

Chefsekretärin: Herr Doktor Zwanziger, ich habe hier einen jungen Mann am Apparat. Ich weiß, es ist ungünstig … die Pressekonferenz heute nachmittag und so … Aber er lässt sich nicht abwimmeln.

Theo Zwanziger (stöhnend): Stellen Sie schon durch …

Anrufer 1: Herr Doktor Zwanziger, vielleicht kennen Sie mich – Paul Pudel, Einheit Kamenz, Sachsenliga …

Theo Zwanziger: Ääähm, nein.

Anrufer 1: Aber Herr Doktor, Sie müssen mich kennen. Ich hatte sogar mal ein Tor des Monats, April 1999.

Theo Zwanziger: Was? April ´99? Und da sind Sie immer noch aktiv?

Anrufer 1: Sehen Sie Herr Doktor, so unentbehrlich bin ich!

Theo Zwanziger: Ähm, Herr …

Anrufer 1: … Pudel.

Theo Zwanziger:
Herr Pudel … ja, was ist denn nun Ihr Anliegen. Ich habe nicht viel Zeit …

Anrufer 1: Wie soll ich beginnen … Herr Doktor. Also, nun wo das mit dem Robert Enke passiert ist … Und Sie haben ja gesagt, Fußball ist nicht alles und so … Und keine Diskriminierung mehr, auch nicht für Homosexuelle …

Theo Zwanziger: Herr Pudel, ich weiß, was ich gesagt habe. Kommen Sie bitte auf den Punkt.

Anrufer 1: Nun, es fällt mir nicht leicht, Herr Doktor. Wenn Sie mich sehen könnten, wie ich hier in Kamenz sitze und mir vor Aufregung fast das Telefon aus den schwitzenden Händen rutscht.

Theo Zwanziger: Herr Pudel!

Anrufer 1 (stöhnt): Ich mache es kurz, Herr Doktor. Ich plane mein Coming-out …

Theo Zwanziger: Tun Sie das. Sie haben meine vollste Unterstützung.

Chefsekretärin: Herr Doktor, ich habe hier einen Herrn Leopold in der Leitung. Auch er will Sie unbedingt sofort sprechen. Keine Chance, ihn loszuwerden.

Theo Zwanziger (seufzend): Geben Sie ihn mir auf Leitung 2! (drückt einen Knopf) … Herr Pudel, bin gleich wieder für Sie da … (drückt erneut einen Knopf)

Anrufer 2 (euphorisiert in deutlich erhöhter Lautstärke): Herr Zwanziger! Herr Zwanziger!

Theo Zwanziger (den Hörer weit von sich haltend): Ja, bitte.

Anrufer 2: Mein Name ist Ludwig Elias Leopold, Doktor der Ökonomie und Professor der Philosophie. Vielleicht haben Sie schon einmal von mir …

Theo Zwanziger: N E I N! Ich habe nie!

Anrufer 2: Auch gut. Herr Zwanziger, hören Sie mir jetzt gut zu. Ich habe die Lösung.

Theo Zwanziger: Lösung? Welche Lösung? Die Lösung wofür?

Anrufer 2: Für Ihren Wettskandal. Ich habe zwar nicht viel Ahnung von Fußball …

Theo Zwanziger: Dann rauben Sie mir nicht meine kostbare Zeit!

Anrufer 2: Aber Herr Zwanziger, hören Sie mich doch an. Nur eine Minute.

Theo Zwanziger: … meinetwegen, aber warten Sie kurz. Ich habe noch einen zweiten Anrufer in der Leitung … (drückt einen Kopf) … Herr Pudel?

Anrufer 1: Herr Doktor?! Ja also, wo war ich?

Theo Zwanziger (sich die Brille abnehmend und den Nasenrücken reibend): Ihr Coming-out.

Anrufer 1: Ach ja. Nun, ich habe mir gedacht, man könnte mir und allen anderen schwulen Fußballern die Sache ja erleichtern und habe da so eine Idee.

Theo Zwanziger: Und die wäre?

Anrufer 1: Na, man müsste es so ähnlich machen wie bei dieser … wie heißt es gleich … Beweisumkehr.

Theo Zwanziger: Ich verstehe nicht …

Anrufer 1: Alle Spieler müssten verpflichtet werden – unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung – öffentlich als Homosexuelle aufzutreten. Heterosexuelle Aktivitäten hätten im Geheimen stattzufinden. Auf einen Schlag wären ich und meine Leidensgenossen aus dem Schneider.

Theo Zwanziger: Oh Gott, wie abstrus … Haben Sie schon einmal an die armen Spielerfrauen gedacht? (drückt einen Knopf)

Anrufer 2: Herr Zwanziger, sind Sie wieder da?

Theo Zwanziger: Also! Was ist nun ihre grandiose Lösung für den Wettskandal, Herr Pudel?

Anrufer 2: Pudel? Ich heiße doch nicht Pudel. Ludwig Elias Leopold ist mein Name.

Theo Zwanziger: Dann eben Leopold. Ihr Vorschlag bitte!

Anrufer 2: Nun, Herr Zwanziger. Wie Sie ja wissen, ist mittlerweile alles mit allem verbunden. So war es wahrscheinlich schon immer, aber erst jetzt nehmen wir die Unausweichlichkeit mit aller Konsequenz wahr. Und wie Sie sicher wissen, gibt es seit Jahren Bestrebungen, Doping zu legalisieren. Was läge da näher, als die momentane Situation des Wettskandals zu nutzen, um mit dem Doping auch gleich die prinzipielle Manipulation von Spielen zu erlauben.

Theo Zwanziger: Sie sind verrückt!

Anrufer 2: Aber nein, Herr Zwanziger. Ich habe ein ausgeklügeltes System entwickelt. Über Online-Portale könnten ambitionierte Mediziner, Chemiker und Geldanleger Kontakt zu allen Spielern aufnehmen und verhandeln, was immer sie gerade verhandeln möchten. Einen besonderen Anreiz könnte man schaffen, indem man die erfolgreichsten Manipulatoren am Ende einer Spielzeit mit zusätzlichen Geldausschüttungen belohnt. Haben Sie es vor Augen, was für ein vitales, pulsierendes Netzwerk das werden könnte. Was für eine zusätzliche, doppelbödige Spannung in die Wettbewerbe käme. Was sage ich! Nicht doppelbödig … Dreibödig, vierbödig! Die Verhandlungen der Manipulatoren mit den Spielern könnten zeitversetzt über Twitter laufen, nur gegen Bares mit Zugangscode. So wie jetzt die Sache mit den Fernsehgeldern.

Theo Zwanziger (mit den Fingerspitzen am Kinn die Qualität der Rasur prüfend): Es klingt … ähm … wild. Aber … ähm … nicht ganz uninteressant. Ich stelle Sie durch zu meiner Sekretärin, hinterlassen Sie bitte dort Ihre vollständigen Kontaktdaten. (drückt einen Knopf)

Anrufer 1: Herr Doktor Zwanziger? Haben Sie über meinen Vorschlag nachgedacht … dass alle schwul sein müssen …

Theo Zwanziger (sich nebenbei ein paar Notizen machend): Das habe ich, Herr Pudel. Ich denke, dass die Zeit für einen solch großen Schritt noch nicht reif ist. Aber Sie kennen mein Engagent in der Sache. Sie wissen, dass ich da schon Preise bekommen habe. Sie können also mit jeder anderen Unterstüzung meinerseits rechnen. Ziehen Sie Ihr Coming-out durch. Wenn es hart auf hart kommt, schicke ich ein Kriseninterventionsteam vorbei. Kein Thema.

Anrufer 1: Aber Herr Doktor …

Theo Zwanziger: Das ist alles, was ich im Moment für Sie tun kann. Einen schönen Tag noch, Herr Pudel!

Chefsekretärin: Ich bin untröstlich, Herr Doktor Zwanziger. Hier ist schon der nächste. Was ist heute nur los?

Theo Zwanziger (in unerklärlich ambivalenter Stimmung): Stellen Sie durch, stellen Sie durch, Frau Murkelmeier.

Anrufer 3 (mit vorgetäuschtem pakistanisch-irisch-norditalinienischen Akzent): Theo? Versuch es gar nicht erst mit einer Fangschaltung. Ich sage nur: Prepaid-Handy!

Theo Zwanziger: Was wollen Sie schon wieder. Ich kann nur wiederholen, wir sind ein sauberer Verband, wir treiben einen sauberen Sport.

Anrufer 3 (hüstelnd): Ich liebe Deinen Idealismus, Theo. Nun, wie ich dir letztens bereits sagte, diese 200 (lacht) manipulierten Spiele, die sind nur die Spitze des Müllberges …

Theo Zwanziger: … des Eisbergs.

Anrufer 3: Eisberg? Wieso Eisberg?

Theo Zwanziger: Man sagt „Eisberg“. Die Spitze des Eisberges. Auch wenn Müllberg in dem Fall durchaus treffender ist.

Anrufer 3: Okay. Auch egal. Ich möchte dir nur verdeutlichen, wie ernst die Sache ist. Weswegen ich dich heute anrufe, ist aber folgendes …

Theo Zwanziger (sehr ungeduldig): Ja, bitte!

Anrufer 3: Wie du vielleicht gehörst hast, bin ich gerade auf Auktionstour. Der nächste Weltmeistertitel ist im Angebot. Das Paket ist geschnürt, alle relevanten Personen in allen denkbaren Szenarien sind entsprechend gebrieft. Nun, die Brasilianer haben abgewinkt. In ihrer Naivität denken sie, es auch so zu schaffen. Größenwahn! Aber die Italiener haben einen schönen Batzen locker gemacht. Berlusconi persönlich, heißt es … Na, und die Franzosen erst … Wenn die den Zuschlag kriegen, kann Henry bei der WM den Ball ausnahmslos und über neunzig Minuten mit beiden Händen über den Platz tragen und im gegnerischen Tor ablegen. So sieht´s aus Theo …

Theo Zwanziger (mit leicht brüchiger Stimme): Lassen Sie mich wissen, wann und wo wir uns treffen können. Ganz unverbindlich natürlich. Jetzt muss ich erst einmal zur … ähm … Pressekonferenz.

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