Wir werden hingerichtet – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 9

Was bisher geschah: Das hatten wir nicht gewollt … Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise waren Ingvar und ich in das Schloss von Sebastian Fitzek eingebrochen – auf der Suche nach ein wenig Kleingeld. Das hatten wir nicht gefunden, dafür einen gutgefüllten Kühlschrank und Nacktfotos von Daniel Kehlmann. Das war ganz lustig, bis uns klar wurde, dass die Nacktfotos Teil eines ausgeklügelten Systems waren, erdacht von einem uralten Geheimbund von Schriftstellern, dessen Ziel es war, der Welt das perfekte Buch zu erschaffen. Um jeden Preis. Wir hatten in ein Wespennest gestochen und Ingvar war es, den man sich als erstes schnappte. Nach einem missglückten Befreiungsversuch war Fitzek höchstpersönlich mit dem Heli aus Berlin eingeschwebt und wir wussten, was uns nun blühte. Goethe selbst soll es gewesen sein, der für Eindringlinge in die Geheimnisse von „Opus Maximum“ die Todesstrafe ins Statut gekritzelt hatte.

Wir liegen gefesselt auf der Ladefläche eines VW-Transporters. Ingvar, Haberer und ich.

Thomas Rosenlöcher steuert das Fahrzeug. Fitzek hat sich auf dem Beifahrersitz in einen Stadtplan von Dresden vertieft. „Lass es uns hier erledigen“, sagt er dann zu Rosenlöcher.

Der beugt ich kurz zu Fitzek hinüber und nickt: „Die Felder vor Pesterwitz. Gute Wahl. Sehr Caspar David Friedrich. Sehr … äh … romantisch. Entspricht den Regeln. Sehr gut. Entschädigt für das Fehlen der Kutsche.“

Rosenlöcher scheint sich trotz der nächtlichen Stunde und ausgeschalteter Ampeln auf der Schandauer Straße an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten zu wollen. Fitzek ist offensichtlich genervt: „Gib Gas!“ Rosenlöcher schüttelt sein lockiges Haupt: „Sebastian, überleg mal. Wenn sie uns jetzt anhalten. Wie erklären wir die Anwesenheit der drei Idioten da hinten?“

Fitzek stöhnt:“Nur ein kleines bisschen schneller. Ich erinnere dich: irgendwann wird´s hell!“

Man hat uns die Münder mit Paketklebeband verkleistert und unsere Kommunikation ist auf Blickkontakt beschränkt – oder was in dieser Finsternis davon möglich ist. In Haberers Augen ist Panik zu lesen, während Ingvar mir ein kleines Zwinkern zukommen lässt. Keine Ahnung, was er damit meint. Wenn es Hoffnung sein soll, hat er offensichtlich den Verstand verloren.

Als man uns aus dem Wagen zerrt, hat es zu schneien begonnen. Wir befinden uns mitten auf einem Feld. Rosenlöcher kramt ein einer Kiste. Dann schmeißt er jedem von uns einen Spaten hin. „Grabt!“

Sie lösen uns die Fesseln. Fitzek hält uns mit einer Pistole in Schach.

Der Boden ist noch nicht gefroren und wir kommen mit dem Graben schneller voran als uns lieb sein kann. Als über dem Elbtal langsam die Sonne aufgeht, sind die Ergebnisse unserer Arbeit nicht unbedingt imposant, aber immerhin ausreichend, uns später einigermaßen vollständig verscharren zu können.

Ich hatte immer erwartet, man käme vor seiner Hinrichtung ganz automatisch in eine – gelinde ausgedrückt – philosophische Stimmung und würde dies und das noch einmal reflektieren. Überlegen, von wem man sich gern verabschiedet hätte, wem man noch etwas schuldet, wo das „Ich“ in einer halben Stunde sein wird … diese Dinge. Doch ich bemerke nur eine vollständige Leere. Und eine Aufmerksamkeit für die überflüssigsten Details. Zum Beispiel, dass Fitzek (der sich gerade niederkniet, um die Tiefe der Gräber zu prüfen) am linken Fuß einen braunen, am rechten einen schwarzen Strumpf trägt. Das ist verzeihlich. Es wird stockfinster gewesen sein, als ihn Rosenlöcher und Tellkamp in Berlin aus seinem Bett geklingelt haben.

Mit einer schnellen Bewegung, die gewöhnlich einem unerwarteten und spontanen Einfall folgt, dreht sich Fitzek um, springt auf und stellt sich vor Rosenlöcher hin: „Jetzt wird´s ernst, Thomas. Hast du so was schon mal gemacht?“

Ganz offensichtlich nicht. Rosenlöchers Hände zittern. Fitzek fasst ihm beruhigend auf die Schulter: „Es ist alles okay, Thomas. Ich mach das schon. Du musst es Dir nicht mit ansehen.“

„Darf ich mich umdrehen?“

„Ich habe einen noch besseren Vorschlag. Fahr uns schnell mal einen Kaffee holen. Irgendein Bäcker wird doch wohl schon geöffnet haben.“

Das lässt sich Rosenlöcher nicht zweimal sagen. Die Rücklichter des VW-Transporters verschwinden in nordöstlicher Richtung.

„Rein mit Euch!“ Fitzeks Stimme ist in einer erschreckenden Weise sachlich. Keine Hoffnung, man könne mit ihm verhandeln. Haberer versucht es trotzdem: „Herr Fitzek, Herr Fitzek. Verschonen Sie wenigstens mich! Ich bin Professor Haberer. Vielleicht haben Sie von mir schon gehört. Ich habe Kontakte. Auch in Amerika. Ich kann Ihnen Türen öffnen, Wege ebnen. Bedenken Sie – der amerikanische Markt!“

Fitzek entsichert seine Pistole: „Ich kenne Sie durchaus, Professor Haberer. Nichtsdestotrotz … auch für Sie gilt: Rein da!“

Wir steigen hinab. Ich bin mir sicher, dass zumindest Ingvar einen Moment genau wie ich überlegt haben muss, Fitzek zu überwältigen. Aber die Lähmung, die uns ergriffen hat, ist genauso unbeschreiblich wie vollständig.

Ich lege mich in die feuchte Erde. Aus der rechten Wand kommt ein Regenwurm gekrabbelt und scheint mich interessiert zu begutachten. Es ist unerwartet gemütlich hier.

Als schwarze Silhouette steht Fitzek vor dem Hintergrund des rosaroten Morgenhimmels über uns. Was seine Gesichtszüge ausdrücken, als er seine Pistole hebt, kann keiner von uns erkennen. Ich vermute, da ist nichts als sachliche Konzentriertheit.

Ich schließe meine Augen. In den nächsten Sekunden gehen mir hunderte Dinge durch den Kopf, die nach meinem Tod peinlich für mich werden könnten, die ich noch hätte regeln müssen. Die Tagebücher verschwinden lassen, die Videos von den lustigen Abenden mit Max Mosley, all das … Komischerweise ist mir das nicht egal. Ich hätte mir diesen Moment etwas friedvoller gewünscht.

Dann fallen die Schüsse.

Fortsetzung hier ->

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