Lebendig begraben – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 10

Was bisher geschah: Wir hatten uns mit dem mächtigsten Geheimbund angelegt, den die literarische Welt hervorgebracht hatte. Sein Name war „Opus Maximum“. Dante Alighieri hatte ihn im frühen vierzehnten Jahrhundert gegründet, Shakespeare und Goethe hatten die Idee aufgegriffen und in den hintersten Winkel auch der winzigsten Dichterstube getragen. Es galt ein Buch zu erschaffen, dessen literarische Wucht so überwältigend sein sollte, dass mit seinem Erscheinen alle Schriftsteller sofort und in tiefer Demut das Schreiben für alle Zeiten einstellen würden. So besagte es die Legende. Die Realität in diesem Verein von Schreiberlingen sah freilich so aus, dass man sich in kleinlichen Grabenkriegen um programmatische Details verlor und von der letztendlichen Niederschrift des ultimativen Buches weiter entfernt war als in den Tagen des Dante Alighieri. Nichtsdestotrotz war „Opus Maximum“ ein funktionierender Betrieb und gewisse Punkte des Statuts befolgte man mit penibler Genauigkeit. Etwa jene, wie mit Schnüfflern und Eindringlingen zu verfahren war. So war ich mit meinen Freunden auf einem schneebedeckten Feld am Rande Dresdens gelandet, wir hatten uns unsere eigenen Gräber graben müssen und über uns stand mit grimmigem Blick und geladener Pistole Sebastian Fitzek …

„So ist das also!“ denke ich und meine das Sterben.

Es scheint ewig zu dauern, das Sterben. Und von der Kugel habe ich auch nichts gespürt. Das mag der Schock sein. Aber … wie habe ich den Schuss – der mich töten sollte – hören können? Ist nicht ein Geschoss schneller als sein Schall?

Ich wage die Augen zu öffnen und schaue direkt in das spöttische Lachen von Sebastian Fitzek. „Eingepisst?“ Seine Pistole ist nach wie vor auf mich gerichtet.

Aus dem Nachbargrab höre ich Ingvar rufen: „Was ist da drüben los? Kriegt ihr Pfeifen nicht einmal eine Exekution richtig hin?“

„Schnauze nebenan!“ Fitzeks Gesicht wird mit einem Schlag ernst. Er hebt seine Stimme an, so dass wir alle ihn in unseren Gräbern hören können. „Dies war jetzt kein Spaß, den ich mir als Privatperson gewissermaßen mal so gegönnt habe. So mal daneben schießen, um euch einen Schreck einzujagen. Der Rosenlöcher, der die Schüsse sicher noch gehört haben wird, soll denken, dass ihr tot seid. Das ist durchaus Teil meines Plans. Und wenn er mit dem Kaffee zurückkommt, wäre es von Vorteil, wenn die Gräber verschlossen sind.“

„Was hast du vor?“ frage ich.

„Dazu später … Jedenfalls lasse ich euch einstweilen am Leben.“

„Dann kommen wir jetzt raus!“ Ingvar nebenan berappelt sich. Seine Stimme wird lauter. Offensichtlich macht er ernst.

Fitzek springt den einen Meter hinüber und gibt einen Schuss ab, der seinen Schrei fast völlig übertönt. „Drin bleiben, Kamprad!“

Ich hoffe inständig, dass Ingvar einlenkt. Denn Fitzek wird unübersehbar nervös. „Das könnte euch so passen! Dass ihr auf und davon seid, sobald ich mich kurz wegdrehe. Nein, wir verfahren folgendermaßen – zieht euch eure Jacken und Mäntel aus.“

Wir haben keine Vorstellung, was Fitzek bezweckt. Aber wir haben keine Wahl und würden ihm mit Sicherheit noch viel absonderlichere Wünsche erfüllen.

„Jetzt bildet mit den Jacken und euren Armen und Beinen einen einigermaßen stabilen Hohlraum. Am besten Embryonalhaltung. Die Konstruktion muss das Gewicht der Erde aushalten und ihr müsst es eine reichliche Stunde so aushalten. Der Hohlraum ist eure einzige Luftreserve. Es könnte knapp werden, aber wenn ihr flach atmet, reicht´s vielleicht.“

Wir folgen seinem Befehl. Dann fällt Fitzek etwas ein. „Du kommst noch mal raus!“ Die Aufforderung gilt Haberer. Fitzek schmeißt ihm die Schaufel hin. „Du buddelst die beiden ein!“

Haberer fängt mit mir an. Schwer fällt die Erde auf mich herab. Ich habe mich auf die Seite gelegt und Beine und Arme mit meiner Jacke verknotet, den Kopf dazwischen gesteckt. Das Gewicht drückt alles bis auf einen klitzekleinen Hohlraum zusammen, den ich mit aller verbleibenden Kraft verteidige. Ich glaube nicht, dass sich das eine Stunde aushalten lässt. Schon jetzt habe ich das Gefühl zu ersticken.

Die Geräusche von draußen höre ich nur noch wie durch dickste Watte. Das eben könnte Fitzeks Stimme sein, wie er Haberer befiehlt, in sein eigenes Grab hinabzusteigen. Später dann – ich bilde mir mittlerweile ein, kaum noch Sauerstoff zu bekommen – etwas, das ein Motorengeräusch sein könnte.

Noch später: Stille. Stille und Kälte.

Ich teste mit dem Ellbogen, ob die geringste Chance besteht, gegen das Gewicht der auf mir lastenden Erde anzukommen und ich es vielleicht wagen könnte, mich freizugraben. Hoffnungslos.

Die Luft wird knapp. Was, wenn es sich Fitzek anders überlegt? Wenn er nicht wieder zurückkehrt?

… Fortsetzung hier ->

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