Der Wald und der Schnee – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 11

Was bisher geschah: Wir waren durch unsere eigene Dummheit in die Fänge des literarischen Geheimbundes „Opus Maximum“ geraten. Wir hatten unsere eigenen Gräber ausheben müssen – Sebastian Fitzeks Pistole vor der Nase. Geschossen wurde dann aber nur in die Luft und Fitzek verscharrte uns bei lebendigem Leibe. Er wolle nur kurz seine Kumpane ablenken und uns dann befreien, hatte er noch verlauten lassen. Dann war er abgedampft. Wir konnten nur hoffen, dass Fitzek Wort hielt und uns nicht vergaß. Denn langsam wurde die Luft knapp …

Meine Sauerstoffsättigung muss mittlerweile in einem katastrophalen Zustand sein. Ich halluziniere die unglaublichsten Dinge: neongrüne Drachen halten mir Vorträge über Paralleluniversen, in einer gefühlten halben Minute zieht der – makellose – Text eines 900-seitigen Romans an mir vorüber. Meine Finger krallen nach Stift und Papier und bekommen doch nur halbgefrorene Erdklumpen zu fassen. So dringen die scharrenden Geräusche nicht zu mir durch und Sebastian Fitzek muss mir ein paar Ohrfeigen geben, bis ich endlich das Bewusstsein wiedererlange. Er zerrt mich aus dem Erdloch und taucht mein Gesicht in den verharschten Pesterwitzer Schnee.

„Grab die anderen beiden aus!“ Er hat wieder die Pistole in der Hand.

Ich finde in die Wirklichkeit zurück und entscheide mich dafür, zuerst Ingvar zu befreien. Einerseits ist er der Ältere, andererseits interessiert mich Haberers Gesundheit im Augenblick herzlich wenig. Ingvar kommt mir mit weit aufgerissenen Augen förmlich aus dem Grab entgegen gesprungen, kaum dass ich ein paar Spatenstiche getan habe. „Welche Ekstase!“, ruft er mir entgegen. „Das war so unglaublich … nordisch!“ Wahrscheinlich meint er einfach nur kalt.

Haberer scheint ebenfalls ein wenig unter Schock zu stehen. Als ich ihn endlich ausgegraben habe, interessiert er sich nur dafür, Erdklumpen aus seinem Pelzmantel zu klauben. Ab und an zuckt sein linkes Augenlid. Ich hoffe, er fängt sich wieder.

Fitzek muss den Hubschrauber nach Berlin zurückgeschickt haben, wahrscheinlich ist er noch eine kleine Ehrenrunde geflogen, um bei Rosenlöcher und Tellkamp keinen Verdacht zu erwecken. Jetzt ist er mit einem unauffälligen, grauen Mietwagen hier. Mit laufendem Motor steht der mitten neben uns auf dem Feld.

„Einsteigen!“ Fitzeks Stimme klingt vor Anspannung und Müdigkeit etwas dünn und brüchig.

Ingvar soll fahren, ich werde auf dem Beifahrersitz platziert. Fitzek setzt sich hinter mich und hat von da aus die vollständige Kontrolle über die Situation. Haberer – der neben Fitzek sitzt – ist der Einzige, der einen Versuch wagen könnte, ihm die Pistole aus der Hand zu reißen. Aber jede Faser seines Körpers ist Feigheit. Das Zucken seines linken Augenlides hat mittlerweile sogar noch zugenommen.

„Wo soll´s hingehen?“ Ingvar klingt lakonisch, als habe er sich in Sekundenschnelle mit seiner neuen Karriere als Taxifahrer abgefunden.

„Dahin, wo es ruhig ist. Wo keine Menschen sind. Wo ich endlich in Ruhe ein bisschen nachdenken kann!“ Fitzeks Stimme ist nur noch ein einziges Krächzen. „Das Ziel habe ich ins Navi eingegeben. Fahr los!“

Ingvar beugt sich zum Display hinab. „Aber Herr Fitzek, ich bin ein alter Mann, ich kann das kaum erkennen. Alles so klein und so bunt und so blinkend …“

Mit einem wütenden Gurgeln, das er nur notdürftig zu unterdrücken versucht, springt Fitzek vor und schaltet die Sprachausgabe ein. Falls Ingvar spekuliert hat, wir könnten Fitzek in diesem Moment überwältigen, haben wir eindeutig zu lange gezögert. „Folgen Sie einfach der netten Plastikstimme!“

Ich habe keine Ahnung, warum Fitzek Ingvar auf einmal wieder siezt. Vielleicht ist auch das einfach nur die Müdigkeit.

Wir fahren südwestwärts. Die Häuser am Straßenrand werden kleiner und dörflicher, der Schnee auf ihren Dächern, in ihren Vorgärten und auf den Feldern, die hintern ihnen bis zum Horizont reichen, immer höher. Dann vor uns, wie eine Wand: hohe Fichten mit schwerem Schnee auf ihren Ästen und Zweigen. Ingvar stoppt ungläubig den Wagen.

„Schon richtig“, sagt Fitzek. „Da hinein!“

… Fortsetzung hier ->

Gemälde: Iwan Iwanowitsch Schischkin

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