Kafka Reloaded

Ich bin vor Freude an die Decke gesprungen und habe dort einen fettigen Fleck hinterlassen …

Der von mir sehr geschätzte Reiner Stach bekommt vielleicht demnächst die Gelegenheit, den dritten und letzten Band seiner monumentalen Kafka-Biografie zu schreiben. Dieser soll Kafkas Kindheits- und Jugendjahre behandeln und Stach benötigt für seine Recherchen Unterlagen aus dem Nachlass von Max Brod. Und die liegen hinter dicken Tresortüren in Tel Aviv und Zürich.

Die Töchter von Esther Hoffe, einer Mitarbeiterin und Freundin Brods (nach bisherigem Kenntnisstand legitime Erbin) möchten den Nachlass, der unter anderem bisher unbekannte Zeichnungen von Kafka und Notizen Brods über Kafka aus der Zeit der gemeinsamen Jugend enthalten soll, an das Deutsche Literaturarchiv in Marbach verkaufen. Ein Familiengericht in Tel Aviv entscheidet nun über die Rechtmäßigkeit der Erbschaft.

Der Nachlass müsse in Israel verbleiben und im Archiv der Nationalbibliothek in Jerusalem seinen Platz finden, fordert das Israelische Staatsarchiv. 24 israelische Akademiker haben sich in einem offenen Brief dieser Sichtweise angeschlossen. Kafka wird in diesem Zusammenhang dann auch wahlweise in die Schublade „tschechischer Jude“ oder „jüdischer Tscheche“ sortiert. Die ihn umgebende deutsche Kultur sei sogar einer der drängendsten Konfliktpunkte seines Lebens gewesen.

Sicher hat Kafka die vielzitierte Entwurzelung der assimilierten Juden empfunden, aber dieses Konstrukt ist dann doch zu abenteuerlich: ein sich in erster Linie als „tschechischer Jude“ oder „jüdischer Tscheche“ Fühlender hätte nicht wie selbstverständlich seine Ferien dazu verwendet, Goethes Gartenhaus in Weimar zu besuchen und jahrelang den Plan gehegt, nach Deutschland überzusiedeln – um dort als Autor von in deutscher Sprache verfassten Texten leben zu können (wie er es dann in tragisch selbstzerstörerischer Weise ausgerechnet als tuberkulös abgemagertes Gespenst im hungernden Berlin der Inflationsjahre versucht hat). Daran ändern auch ein paar flüchtige Annäherungen Kafkas an den Zionismus und die hebräische Sprache nichts.

Ich drücke die Daumen – für Reiner Stach.

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