Lips Tullians Höhle – oder – Die Jagd nach “Opus Maximum” Teil 12

Was bisher geschah: Sebastian Fitzek hätte nur noch abdrücken müssen. Stattdessen hatte er seine Kumpane von Opus Maximum hinters Licht geführt und unsere Hinrichtung nur vorgetäuscht. Dann war er mit uns westwärts gefahren, in den Wald …

Fitzek lotst uns über Waldwege, deren aufgewühlte Erde so fest gefroren ist, dass es uns durchschüttelt. Bald ist mit dem Wagen kein Vorwärtskommen mehr möglich.

“Zu Fuß weiter!” Fitzek wedelt mit seiner Pistole herum. Er sieht blass wie der Tod aus und ich kann nur hoffen, dass er seine Waffe gesichert hat.

Wir steigen aus. Der Schneefall hat sich verstärkt.

Fitzek kramt einen Zettel aus der Innentasche seines Manzels. In aller Eile und mit einem fast versagenden Kugelschreiber hat er sich da offensichtlich einen Lageplan skizziert. Wenn ich munter und ausgeruht wäre, würde ich mir jetzt sicher ausführlich den Kopf darüber zerbrechen, was er in den nächsten Minuten mit uns vorhaben könnte. Doch der fehlende Schlaf und die Turbulenzen der letzten Stunden haben offensichtlich mein Gehirn in eine duldsame Masse verwandelt, die lediglich noch ein paar Vitalfunktionen steuert und an darüber hinausgehenden Zusammenhängen keinerlei Interesse mehr hat. Fitzek hat ein paar Probleme mit den Himmelsrichtungen und dreht sich mit seiner kleinen Landkarte um die eigene Achse, dabei kratzt er sich gedankenverloren mit der Mündung seiner Pistole an der rechten Schläfe.

Wahrscheinlich könnten wir ihn – nicht zum ersten Mal übrigens – überwältigen. Doch ein kurzer Blick auf Ingvar und Haberer offenbart alles andere als rebellischen Enthusiasmus. Eher die reinste Schlachtbankmentalität.

“Da lang!” Fitzek fuchtelt mit den Armen.

Unter den dicht stehenden Fichten hat sich der Schnee nicht ganz so sehr aufzutürmen vermocht und wir kommen gut voran. Bald geraten wir in eine Art Schlucht. Links und rechts fächern sich Gesteinsmassen vulkanischen Ursprungs auf – mit einer grotesken Deutlichkeit, wie der flüchtig hingeworfene Mantel eines Riesen: Porphyr.

“Hier müsste es sein …” Fitzek mustert ein eigentlich unauffälliges Gestrüpp. Unentschlossen betrachtet er uns einen Moment und scheint dann intuitiv die Situation korrekt zu lesen. Er steckt seine Pistole ein. Mit beiden Händen beginnt er, Äste und Strauchwerk beiseite zu zerren. Und dann – ich kann es nicht fassen – beginnen Ingvar, dann Haberer und schließlich ich selbst, ihm dabei zu helfen. Klarer Fall von Stockholm-Syndrom.

Wir stoßen auf etwas, bei dem es sich offensichtlich um einen Höhleneingang handelt: verbarrikadiert mit schweren Holzplanken, dunkel vom Alter und der Nässe, in Bodennähe grün vom Moos. Schwere eiserne Ketten sind in den Felsen eingelassen und kreuzen mehrfach den Eingang. Fitzek registriert flüchtig, dass wir ihm bei seiner Gartenarbeit behilflich sind und murmelt einen halbverschluckten Dank, dann kramt er in seiner Manteltasche und zieht einen großen Schlüssel hervor. Eine Weile hat er mit dem Schloss zu tun, dem Feuchtigkeit und Rost sichtlich zugesetzt haben. Mit einem tiefen Klirren, das durch den halben Wald zu hören sein muss, fallen schließlich die Ketten zu Boden. Fitzek stemmt die Holzbohlen beiseite, dabei beschmutzt er seinen Mantel, was er aber gar nicht zu bemerken scheint. Er wischt sich die Spinnweben aus dem Gesicht und leuchtet mit einem kleinen, goldenen Feuerzeug in die Dunkelheit. Ich kann nichts erkennen, aber Fitzek scheint zufrieden.

“Willkommen im Reich von Lips Tullian”, murmelt er.

Fortsetzung hier ->

Gemälde: Caspar David Friedrich

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