This Temporary Flesh And Bone

Im Haus gegenüber saß ein Typ jede Nacht vor seinem Rechner. Das grelle Licht schien von einer nackten Glühlampe zu stammen. Außer der Rückseite des Monitors und einem Stückchen Kopf war nichts zu sehen. Weiße Wände, weit und breit keine Möbel.

Ich nahm an, dass der Typ konzentriert, diszipliniert und in vorbildlicher Askese jenen perfekten Roman schrieb, den ich seit gefühlten fünfzig Jahren in unzähligen Versionen in Angriff nahm, aber nie zum Abschluss brachte. Auch die Erkenntnis, dass es besser sei, hundert grottenschlechte Romane zu beenden, als einen nur in meinen Hirnwindungen existierenden (und lediglich vage perfekten) Roman mit ins Grab zu nehmen, hatte mich nicht davon abhalten können, immer wieder neue erste hundert Seiten zu verfassen etc. etc. etc.

Nun der Typ da drüben. War jede Nacht mindestens acht Stunden am Werk: die Mensch gewordene Schreibmaschine. Ich war mir sicher, dass der da drüben etwas schuf, das „Meister und Margarita“ und das „Focaultsche Pendel“ wie Kindergartenkram erscheinen lassen würde. Und das ertrug ich einfach irgendwann nicht mehr.

Ich ging nach drüben, mein schärfstes Küchenmesser hinter dem Rücken versteckt. Ich klingelte, er öffnete und dann erledigte ich die Sache. Ich zerlegte ihn in carpacciodünne Scheiben, die prompt auseinanderfielen, als ich das nächste Mal atmete. Da hatte ich mich wohl von Kafka inspirieren lassen.

Mit einem USB-Stick schlich ich mich dann an den Rechner, um das literarische Wunderwerk zu kopieren und umgehend auf der Festplatte zu löschen. Ein paar fehlende Kapitel würde ich sicher ergänzen können. Was ich aber zu sehen bekam, war letztlich ein Schock. Vielleicht hätte ich damit rechnen müssen. Jedoch: Ich war mir so sicher gewesen. Diese Askese, diese Disziplin!

Auf dem Monitor sah ich lediglich …

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2 Gedanken zu “This Temporary Flesh And Bone

  1. Mr. Pink Eyes schreibt:

    das ist gemein. meine fantasie ist so verkümmert, dass ich auf grund des offenen endes wohl nie mehr richtig schlafen werde können. was sah er denn? bitte bitte verrat es mir. ich kann so einfach nicht weiter machen…

  2. northbohemian schreibt:

    Lieber Mr. Pink Eyes, ich nehme an, nicht nur Eure Phantasie ist verkümmert, sondern auch die des Autors. Wie sonst hätte er uns mit diesem unbefriedigenden Ende allein zurückgelassen. Scheiß-Fragmentaristen!!!

    Nun, der Schmierfink ist auf der Suche nach einem plausiblen Schluss. Was wäre das einerseits Unwahrscheinlichste, gleichzeitig aber wiederum das Naheliegendste?

    Der Autor meint, eine akzeptable Lösung irgendwann hier in der Kommentarspalte präsentieren zu können.

    i.A. Prof. Dr. Dr. Irrlicht, betreuender Psychiater

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