Auf nach Prag – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 16

… Ingvar hat die ganze Zeit aufmerksam zugehört und dabei mehrfach seinen Kopf geschüttelt. Jetzt, da Haberer seinen Monolog beendet, hebt er seine Hand, ganz so, als wäre er ein Schulkind. „Ihre Biografie, mein lieber Haberer, hört sich durchaus unterhaltsam an. Aber ich vermisse etwas, das ich gerade aus den hintersten Winkeln meines Gehirns hervorzuziehen versuche. Hatten Sie nicht – bei unserem ersten Treffen – irgendetwas von einer indischen Universität erzählt? Und dass Sie da – wie nannten Sie es noch – dass Sie dort Verschwörungs… äh … wissenschaften studiert hätten?“

Haberer streckt sein Kinn vor und poliert mit der Ärmelkante seines Pelzmantels die Opale und Smaragde der Ringe an seinen Fingern. „Habe ich das erzählt? Nun, dann mag es wohl so gewesen sein. Was interessiert mich auch mein Geschwätz von gestern. Aber ja, jetzt erinnere ich mich! Kalkutta, 1967. Na ja, war eine kurze Episode, ehrlich gesagt … Aber egal. Darum soll´s doch jetzt nicht gehen. Meine Kompetenz als Experte für Opus Maximum soll doch wohl nicht etwa in Frage gestellt werden!“
„Nein, nein“, sagt Sebastian Fitzek, der sich zwischen Invar und Haberer gestellt hat und nervös seine Hände aneinander reibt. „Das will niemand. Ich bin da ganz Bauchmensch und vertraue meinem … äh … Bauchgefühl.“
Haberer macht große Augen und zwinkert dann Ingvar in der Art und Weise eines Laienschauspielers kurz zu, als halte er nun alle Unklarheiten für aus der Welt geschafft. Dann sagt er – in Richtung Fitzek: „Großartige Sache! Das mit dem Bauchgefühl … Sehr romantisch, sehr antiaufklärerisch. Gefällt mir gut.“
„Schwatzen Sie nicht! Sagen Sie, was Sie verlangen, damit Sie uns helfen.“ Fitzek kippt vor Müdigkeit – und ich nehme an, auch des Hungers wegen – fast um.

Haberer dreht pathetisch einige Runden in der Höhle, kramt aufreizend langsam in all dem Gerümpel der Literaten herum, klopft etwas Staub von den geheimen, vernichtet geglaubten griechischen Tagebüchern Erwin Strittmatters, dreht ein Weilchen an Edgar Wallaces Plot-Wheel, um dann – immer noch ganz Laienschauspieler, in großer Geste die Hände zu heben: „Sie wollen jetzt eine Zahl von mir hören, Herr Fitzek? Richtig? Fünf Millionen. Zehn Millionen. Zwanzig. Aber nein … Sie wissen ganz genau, dass Geld die völlig falsche Kategorie ist, wenn es um Opus Maximum, den ultimativen Roman geht.“
„Meinetwegen. Was wollen Sie dann, wenn es kein Geld ist.“ Fitzeks Pupillen weiten und verengen sich in einem tranceartigen Rhythmus – irgendwie erinnert mich das an das Lämpchen eines Mac-Books im Ruhezustand.
„Nun, wir wissen alle: Wenn Opus Maximum einmal geschrieben ist, wird kaum noch ein anderes Buch geschrieben oder gedruckt werden. Die Leute werden dieses Buch lesen und wieder lesen und so weiter und so fort.“
„Davon kann ausgegangen werden“, sagt Fitzek. Eine Fledermaus fliegt an unseren Köpfen vorbei.
„Die Bedeutung dieses Buches ist also mit Geld nicht aufzuwiegen. Und es geht mir auch nicht um so etwas Schnödes wie Geld …“ Haberer schüttelt sich, als habe er gerade an etwas außerordentlich Ekelhaftes denken müssen. „Nein, meine Herren, mir ist selbstverständlich am Ruhme gelegen. Die Bedingung für meine – offensichtlich unverzichtbare – Mithilfe bei diesem bescheidenen Projekt ist folgende: Auf dem Titel wird mein Name stehen, nur mein Name. Mein Ruhm wird alles überstrahlen. Homer und Shakespeare werde ich hinter mir lassen!“
Fitzek massiert sich die Augäpfel. Dann, nach langer Pause: „Das ist durchaus in Ordnung. Mir ist, ehrlich gesagt, der monetäre Aspekt der entscheidende. Und, ja … Mich interessiert, was in diesem Buch dann zu lesen sein wird. Der Ruhm ist da in meiner Prioritätenliste deutlich weiter hinten einsortiert. Den können Sie gern für sich allein haben, Professor Haberer.“
„Gut, dann sind wir uns ja einig. Sie werden Verständnis dafür haben, meine Herren, dass ich nicht mit meinem gesamten Wissen gewissermaßen sofort herausrücke. Zu diesem hoffnungsvollen Beginn unserer Expedition nur soviel: Wir müssen sieben Artefakte aufspüren. Keines von diesen befindet sich übrigens hier in dieser Höhle, wie ich bei meinem Rundblick – wenn es auch ein flüchtiger war – zweifelsfrei feststellen konnte. Nun, lassen Sie mich kurz überlegen und meine Geografiekenntnisse anzapfen. In Zeiten globaler Erwärmung muss man keine sinnlose Zick-Zack-Reisen unternehmen, nicht wahr? Ich denke, wir sollten zuerst nach Prag reisen.“

„Kafka?“, fragt Fitzek.
„Wer sonst …“, antwortet Haberer.

… Fortsetzung hier ->

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