Tief im Böhmischen – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 17

Was bisher geschehen war: Wir befanden uns auf dem Weg nach Prag. Haberer hatte uns glaubhaft versichert, der erste zu suchende literarische Artefakt habe mit Kafka zu tun und wir hatten letztlich keine Wahl, als ihm Glauben zu schenken. Sicher hätten wir zu diesem Zeitpunkt aus der Geschichte aussteigen können. Von Fitzek ging offensichtlich keinerlei Bedrohung mehr aus, vielmehr schien es ihn zu freuen, die Führung unseres Abenteuers für eine kleine Weile an Haberer abgeben zu können. Aber weder zeigte Ingvar irgendein Interesse, sich im IKEA-Hauptquartier einzufinden und dort nach dem Rechten zu sehen noch hatte ich irgendeine Idee, Besseres mit meiner Zeit anzufangen. Rückblickend mussten wir zu diesem Zeitpunkt auf einen Außenstehenden wie ein Haufen peinlich euphorisierter Zwölfjähriger gewirkt haben, vorwärtsstürzend auf der Jagd nach einer absurden Version des Heiligen Grals: übernächtigt, trotzdem die Augen weit aufgerissen, hohlwangig, unrasiert, jeder den allergrößten Unsinn schwatzend. Wir hatten noch genug Benzin im Tank und kamen gut ins Böhmische. Ungefähr eine Stunde vor Prag verspürten wir allerdings einen solch großen Hunger, dass wir am Rande eines Waldes dem werbenden Schild eines düsteren Gasthofes erlagen …

Der Gastraum bekommt sein einziges Licht durch drei trübe, bernsteinfarbene Fenster, die jeweils höchstens die Größe eines DIN-A4-Blattes besitzen und die zuletzt geputzt worden sein müssen, als Deutschland noch Kolonien besaß. Niemand außer uns ist anwesend. Wir setzen uns an jenen Tisch, der als einziger von dreien noch genügend Licht abbekommt, dass wir gegenseitig mehr als nur die Umrisse unserer Gesichter erkennen konnten. Der Tisch ist aus massivem Holz gefertigt, mit weit gespannter Hand messe ich, dass seine Platte eine Dicke von mindestens zwanzig Zentimetern aufweist. Das Holz ist speckig und von unzähligen Brandflecken bedeckt. Es riecht nach der kalten Asche des Kamins, Spülwasser und Bier. Die dicken Wände des Gasthofes sperren die Geräusche zuverlässig aus. Laut und deutlich hören wir deshalb das Summen einer einzelnen alten, fetten Fliege, die zu erschlagen uns aber regelmäßig misslingt.

Ingvar scheint etwas einzufallen. Er greift zu seinem Telefon und erledigt in fast flüsterndem, aber bestimmtem Tonfall einen Anruf. „Ich hatte Ronaldo und Kaká vergessen. Hoffentlich sind sie über ihren Primzahlen nicht verhungert. Ich … ähm … habe Ihnen einen Babysitter bestellt. Und fünf Kartons Pizza“, erklärt er uns dann. Was hat Ingvar mit diesen beiden Fußballern zu schaffen? Der interessierte Leser schaue bitte hier ->

Ein Geräusch schreckt uns auf: Im völligen Dunkel des hinteren Teils der Gaststube öffnet sich eine kleine Tür und gibt einen schwachen Schimmer rubinroten Lichtes frei. Dieses rubinrote Licht definiert nun den Schattenriss einer sich nähernden Gestalt. Ein Hinken lässt sich in diesem Moment nur durch das schleifende Geräusch ausmachen, dass einer der beiden Füße, vermutlich der linke, auf den Dielen verursacht. Wir alle mögen gewisse Vorstellungen des Glöckners von Notre Dame haben, romantisierend oder wirklich verschreckend – aber ich denke, selbst eine mit der allerdüstersten Fantasie begabte Natur vermag es in der Wolfsstunde zwischen drei und vier Uhr morgens (jener Zeitspanne, in der ALLES Schlimme möglich scheint) nicht, sich das auszumalen, was unsere Augen jetzt erblicken …

… Fortsetzung hier ->

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