Gone, But Not Forgotten

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Der Wald und der Schnee – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 11

Was bisher geschah: Wir waren durch unsere eigene Dummheit in die Fänge des literarischen Geheimbundes „Opus Maximum“ geraten. Wir hatten unsere eigenen Gräber ausheben müssen – Sebastian Fitzeks Pistole vor der Nase. Geschossen wurde dann aber nur in die Luft und Fitzek verscharrte uns bei lebendigem Leibe. Er wolle nur kurz seine Kumpane ablenken und uns dann befreien, hatte er noch verlauten lassen. Dann war er abgedampft. Wir konnten nur hoffen, dass Fitzek Wort hielt und uns nicht vergaß. Denn langsam wurde die Luft knapp …

Meine Sauerstoffsättigung muss mittlerweile in einem katastrophalen Zustand sein. Ich halluziniere die unglaublichsten Dinge: neongrüne Drachen halten mir Vorträge über Paralleluniversen, in einer gefühlten halben Minute zieht der – makellose – Text eines 900-seitigen Romans an mir vorüber. Meine Finger krallen nach Stift und Papier und bekommen doch nur halbgefrorene Erdklumpen zu fassen. So dringen die scharrenden Geräusche nicht zu mir durch und Sebastian Fitzek muss mir ein paar Ohrfeigen geben, bis ich endlich das Bewusstsein wiedererlange. Er zerrt mich aus dem Erdloch und taucht mein Gesicht in den verharschten Pesterwitzer Schnee.

„Grab die anderen beiden aus!“ Er hat wieder die Pistole in der Hand.

Ich finde in die Wirklichkeit zurück und entscheide mich dafür, zuerst Ingvar zu befreien. Einerseits ist er der Ältere, andererseits interessiert mich Haberers Gesundheit im Augenblick herzlich wenig. Ingvar kommt mir mit weit aufgerissenen Augen förmlich aus dem Grab entgegen gesprungen, kaum dass ich ein paar Spatenstiche getan habe. „Welche Ekstase!“, ruft er mir entgegen. „Das war so unglaublich … nordisch!“ Wahrscheinlich meint er einfach nur kalt.

Haberer scheint ebenfalls ein wenig unter Schock zu stehen. Als ich ihn endlich ausgegraben habe, interessiert er sich nur dafür, Erdklumpen aus seinem Pelzmantel zu klauben. Ab und an zuckt sein linkes Augenlid. Ich hoffe, er fängt sich wieder.

Fitzek muss den Hubschrauber nach Berlin zurückgeschickt haben, wahrscheinlich ist er noch eine kleine Ehrenrunde geflogen, um bei Rosenlöcher und Tellkamp keinen Verdacht zu erwecken. Jetzt ist er mit einem unauffälligen, grauen Mietwagen hier. Mit laufendem Motor steht der mitten neben uns auf dem Feld.

„Einsteigen!“ Fitzeks Stimme klingt vor Anspannung und Müdigkeit etwas dünn und brüchig.

Ingvar soll fahren, ich werde auf dem Beifahrersitz platziert. Fitzek setzt sich hinter mich und hat von da aus die vollständige Kontrolle über die Situation. Haberer – der neben Fitzek sitzt – ist der Einzige, der einen Versuch wagen könnte, ihm die Pistole aus der Hand zu reißen. Aber jede Faser seines Körpers ist Feigheit. Das Zucken seines linken Augenlides hat mittlerweile sogar noch zugenommen.

„Wo soll´s hingehen?“ Ingvar klingt lakonisch, als habe er sich in Sekundenschnelle mit seiner neuen Karriere als Taxifahrer abgefunden.

„Dahin, wo es ruhig ist. Wo keine Menschen sind. Wo ich endlich in Ruhe ein bisschen nachdenken kann!“ Fitzeks Stimme ist nur noch ein einziges Krächzen. „Das Ziel habe ich ins Navi eingegeben. Fahr los!“

Ingvar beugt sich zum Display hinab. „Aber Herr Fitzek, ich bin ein alter Mann, ich kann das kaum erkennen. Alles so klein und so bunt und so blinkend …“

Mit einem wütenden Gurgeln, das er nur notdürftig zu unterdrücken versucht, springt Fitzek vor und schaltet die Sprachausgabe ein. Falls Ingvar spekuliert hat, wir könnten Fitzek in diesem Moment überwältigen, haben wir eindeutig zu lange gezögert. „Folgen Sie einfach der netten Plastikstimme!“

Ich habe keine Ahnung, warum Fitzek Ingvar auf einmal wieder siezt. Vielleicht ist auch das einfach nur die Müdigkeit.

Wir fahren südwestwärts. Die Häuser am Straßenrand werden kleiner und dörflicher, der Schnee auf ihren Dächern, in ihren Vorgärten und auf den Feldern, die hintern ihnen bis zum Horizont reichen, immer höher. Dann vor uns, wie eine Wand: hohe Fichten mit schwerem Schnee auf ihren Ästen und Zweigen. Ingvar stoppt ungläubig den Wagen.

„Schon richtig“, sagt Fitzek. „Da hinein!“

… Fortsetzung hier ->

Gemälde: Iwan Iwanowitsch Schischkin

Wir werden hingerichtet – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 9

Was bisher geschah: Das hatten wir nicht gewollt … Auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise waren Ingvar und ich in das Schloss von Sebastian Fitzek eingebrochen – auf der Suche nach ein wenig Kleingeld. Das hatten wir nicht gefunden, dafür einen gutgefüllten Kühlschrank und Nacktfotos von Daniel Kehlmann. Das war ganz lustig, bis uns klar wurde, dass die Nacktfotos Teil eines ausgeklügelten Systems waren, erdacht von einem uralten Geheimbund von Schriftstellern, dessen Ziel es war, der Welt das perfekte Buch zu erschaffen. Um jeden Preis. Wir hatten in ein Wespennest gestochen und Ingvar war es, den man sich als erstes schnappte. Nach einem missglückten Befreiungsversuch war Fitzek höchstpersönlich mit dem Heli aus Berlin eingeschwebt und wir wussten, was uns nun blühte. Goethe selbst soll es gewesen sein, der für Eindringlinge in die Geheimnisse von „Opus Maximum“ die Todesstrafe ins Statut gekritzelt hatte.

Wir liegen gefesselt auf der Ladefläche eines VW-Transporters. Ingvar, Haberer und ich.

Thomas Rosenlöcher steuert das Fahrzeug. Fitzek hat sich auf dem Beifahrersitz in einen Stadtplan von Dresden vertieft. „Lass es uns hier erledigen“, sagt er dann zu Rosenlöcher.

Der beugt ich kurz zu Fitzek hinüber und nickt: „Die Felder vor Pesterwitz. Gute Wahl. Sehr Caspar David Friedrich. Sehr … äh … romantisch. Entspricht den Regeln. Sehr gut. Entschädigt für das Fehlen der Kutsche.“

Rosenlöcher scheint sich trotz der nächtlichen Stunde und ausgeschalteter Ampeln auf der Schandauer Straße an die vorgeschriebene Geschwindigkeit halten zu wollen. Fitzek ist offensichtlich genervt: „Gib Gas!“ Rosenlöcher schüttelt sein lockiges Haupt: „Sebastian, überleg mal. Wenn sie uns jetzt anhalten. Wie erklären wir die Anwesenheit der drei Idioten da hinten?“

Fitzek stöhnt:“Nur ein kleines bisschen schneller. Ich erinnere dich: irgendwann wird´s hell!“

Man hat uns die Münder mit Paketklebeband verkleistert und unsere Kommunikation ist auf Blickkontakt beschränkt – oder was in dieser Finsternis davon möglich ist. In Haberers Augen ist Panik zu lesen, während Ingvar mir ein kleines Zwinkern zukommen lässt. Keine Ahnung, was er damit meint. Wenn es Hoffnung sein soll, hat er offensichtlich den Verstand verloren.

Als man uns aus dem Wagen zerrt, hat es zu schneien begonnen. Wir befinden uns mitten auf einem Feld. Rosenlöcher kramt ein einer Kiste. Dann schmeißt er jedem von uns einen Spaten hin. „Grabt!“

Sie lösen uns die Fesseln. Fitzek hält uns mit einer Pistole in Schach.

Der Boden ist noch nicht gefroren und wir kommen mit dem Graben schneller voran als uns lieb sein kann. Als über dem Elbtal langsam die Sonne aufgeht, sind die Ergebnisse unserer Arbeit nicht unbedingt imposant, aber immerhin ausreichend, uns später einigermaßen vollständig verscharren zu können.

Ich hatte immer erwartet, man käme vor seiner Hinrichtung ganz automatisch in eine – gelinde ausgedrückt – philosophische Stimmung und würde dies und das noch einmal reflektieren. Überlegen, von wem man sich gern verabschiedet hätte, wem man noch etwas schuldet, wo das „Ich“ in einer halben Stunde sein wird … diese Dinge. Doch ich bemerke nur eine vollständige Leere. Und eine Aufmerksamkeit für die überflüssigsten Details. Zum Beispiel, dass Fitzek (der sich gerade niederkniet, um die Tiefe der Gräber zu prüfen) am linken Fuß einen braunen, am rechten einen schwarzen Strumpf trägt. Das ist verzeihlich. Es wird stockfinster gewesen sein, als ihn Rosenlöcher und Tellkamp in Berlin aus seinem Bett geklingelt haben.

Mit einer schnellen Bewegung, die gewöhnlich einem unerwarteten und spontanen Einfall folgt, dreht sich Fitzek um, springt auf und stellt sich vor Rosenlöcher hin: „Jetzt wird´s ernst, Thomas. Hast du so was schon mal gemacht?“

Ganz offensichtlich nicht. Rosenlöchers Hände zittern. Fitzek fasst ihm beruhigend auf die Schulter: „Es ist alles okay, Thomas. Ich mach das schon. Du musst es Dir nicht mit ansehen.“

„Darf ich mich umdrehen?“

„Ich habe einen noch besseren Vorschlag. Fahr uns schnell mal einen Kaffee holen. Irgendein Bäcker wird doch wohl schon geöffnet haben.“

Das lässt sich Rosenlöcher nicht zweimal sagen. Die Rücklichter des VW-Transporters verschwinden in nordöstlicher Richtung.

„Rein mit Euch!“ Fitzeks Stimme ist in einer erschreckenden Weise sachlich. Keine Hoffnung, man könne mit ihm verhandeln. Haberer versucht es trotzdem: „Herr Fitzek, Herr Fitzek. Verschonen Sie wenigstens mich! Ich bin Professor Haberer. Vielleicht haben Sie von mir schon gehört. Ich habe Kontakte. Auch in Amerika. Ich kann Ihnen Türen öffnen, Wege ebnen. Bedenken Sie – der amerikanische Markt!“

Fitzek entsichert seine Pistole: „Ich kenne Sie durchaus, Professor Haberer. Nichtsdestotrotz … auch für Sie gilt: Rein da!“

Wir steigen hinab. Ich bin mir sicher, dass zumindest Ingvar einen Moment genau wie ich überlegt haben muss, Fitzek zu überwältigen. Aber die Lähmung, die uns ergriffen hat, ist genauso unbeschreiblich wie vollständig.

Ich lege mich in die feuchte Erde. Aus der rechten Wand kommt ein Regenwurm gekrabbelt und scheint mich interessiert zu begutachten. Es ist unerwartet gemütlich hier.

Als schwarze Silhouette steht Fitzek vor dem Hintergrund des rosaroten Morgenhimmels über uns. Was seine Gesichtszüge ausdrücken, als er seine Pistole hebt, kann keiner von uns erkennen. Ich vermute, da ist nichts als sachliche Konzentriertheit.

Ich schließe meine Augen. In den nächsten Sekunden gehen mir hunderte Dinge durch den Kopf, die nach meinem Tod peinlich für mich werden könnten, die ich noch hätte regeln müssen. Die Tagebücher verschwinden lassen, die Videos von den lustigen Abenden mit Max Mosley, all das … Komischerweise ist mir das nicht egal. Ich hätte mir diesen Moment etwas friedvoller gewünscht.

Dann fallen die Schüsse.

Fortsetzung hier ->

Sebastian Fitzek greift ins Geschehen ein – Die Jagd nach „Opus Maximum“ – Teil 8

Was bisher geschah: Fast hätten wir es geschafft, meinen Freund Ingvar aus dem Kerker der Schurken von „Opus Maximum“ zu befreien. Doch der Klingelton eines Handys hatte uns verraten und spätestens da hatte ich zu wünschen begonnen, die Menschheit würde in Zukunft ausschließlich mit Hilfe von Rauchzeichen kommunizieren. Nun saßen wir im Büro der Dresdner Filiale von „Opus Maximum“ fest, Thomas Rosenlöcher bereitete sich gerade einen Yogitee zu und es wäre durchaus gemütlich zu nennen gewesen, hätte sich nicht vor unseren Nasen die Mündung einer Maschinenpistole befunden, am Abzug der rechte Zeigefinger Uwe Tellkamps.

Rosenlöcher verlässt mit Teetasse und Mobiltelefon das Zimmer. Wir haben jetzt Zeit, uns das Zimmer anzusehen, in dem einst Karl May geschrieben hat – in dem mittlerweile aber rein gar nichts mehr an ihn erinnert. Wir sind so oder so abgelenkt von einem nervösen Zucken auf Tellkamps Stirn und ich bin mir sicher, dass wir kollektiv hoffen, sein Finger am Abzug möge mehr Ruhe besitzen. Haberers Angstschweiß hat den Weg durch den Pelzmantel gefunden und sein Geruch malträtiert meine Nasenschleimhäute. Ingvar plappert igendetwas auf schwedisch, in einem sehr einlullenden Tonfall, offensichtlich mit dem Ziel einer deeskalierenden Wirkung. Ich wundere mich kurz über die Verwendung des Schwedischen, vermute aber dann – und wie sich später herausstellen soll, vermute ich richtig – dass er es im Sinne eines Zeitgewinns für clever erachtet, das Beherrschen des Deutschen zu leugnen.

Rosenlöcher kommt zurück. Mit seiner Kleidung bringt er kalte Winterluft mit ins Zimmer, die baldigen Schneefall erwarten lässt.

„Fitzek kommt. Mit dem Heli.“ Sein Nuscheln ist kaum zu ertragen. Ich beginne, über die akustischen Konsequenzen des Barttragens im Alltag nachzudenken.

„Er braucht ´ne reichliche Stunde“

Es wird die längste Stunde meines Lebens. Mittlerweile müssen wir alle dringend pinkeln – aber ich vermute, niemand will die Risiken des nervösen Tellkampschen Zuckens bei einem gemeinsamen Toilettenbesuch genauer in Augenschein nehmen. So schwitzen wir es also aus uns heraus, Haberer in der gewohnten (und bereits beschriebenen) unangemessenen und hysterisch übertriebenen Weise.

Dann hören wir endlich das näherkommende vibrierende Geräusch des Hubschraubers. Ich hätte es nicht für möglich gehalten, aber offensichtlich befindet sich im Garten hinter dem Haus eine freie Fläche von genügender Größe, so dass der Hubschrauber in unmittelbarer Nähe landen kann. Die Rotorblätter stehen noch nicht still, als ich von meiner Position aus durch das Fenster die in einen dunklen und fast bodenlangen Mantel gehüllte Gestalt Fitzeks aus dem Hubschrauber huschen sehe. Erkennen kann ich ihn – es ist immer noch Nacht – nur deshalb, weil ein Teil des Lichtes aus unserem Zimmer nach draußen strahlt und weil er eine kleine flackernde Lampe vor sich her trägt. Im Hubschrauber hat man jegliche Beleuchtung sofort nach der Landung ausgeschaltet.

Da kommt Fitzek auch schon in Riesenschritten die Treppe hinauf und steht sogleich riesenhaft in der Tür, als habe ihn Murnau da hin platziert. Tatsächlich ist seine Lampe eine, die er auf dem Trödelmarkt erstanden haben muss. Das Licht wird von einer tropfenden Weihnachtskerze gespendet. Langsam geht mir das Zitieren dieser nostalgischen Details auf den Geist. Kutsche, Kerzen … Womit werden sie uns töten, einer Axt?

„Hier sind sie!“, sagt Rosenlöcher. Als wäre das nicht zu sehen.

Fitzek knipst die Deckenbeleuchtung aus (wohl der Dramatik wegen) und tanzt mit seiner Funzel triumphierend um uns herum. Ich finde, der Begriff „diabolisch“ sollte auf Grund seiner inflationären Verwendung aus sämtlichen Wörterbüchern gestrichen werden. Aber bei dem entrückten Lächeln und dem irrlichternden Glanz in seinen Augen fällt mir in diesem Moment selbst kein treffendere Beschreibung ein.

Mit einem Ruck reißt er die rechte Hand in die Höhe – als wäre er ein römischer Kaiser. Gründgens sollte ihn spielen, denke ich. Wenn das hier einmal verfilmt werden sollte. Und wenn Gründgens nicht schon längst tot wäre.

„Thomas, mach den Hundefänger fertig!“

Ich bin verwundert, dass aus seinem Zeigefinger, den er jetzt auf Rosenlöcher richtet, keine todbringenden Laserstrahlen schießen. Rosenlöcher fährt sich verunsichert durch das Chaos seiner Gesichtsbehaarung: „Aber die Regeln, Sebastian … Es heißt doch … Wir müssen die Kutsche …“

Fitzek scheint jetzt an irgendeiner imaginären Speise zu ersticken und als er sich in einem Wutanfall erleichtert, erinnert er nicht mehr an einen römischen Kaiser, auch nicht mehr an Gustav Gründgens, sondern nur noch an einen von Bruno Ganz gespielten Führer: „Kutsche!!! Rosenlöcher! Schau er mal raus! Irgendwann wirds hell. Kutsche!!! So eine Scheiße!“

Dann sinkt er in sich zusammen wie eine Marionette, der man die Fäden durchtrennt hat. Alle Spannung scheint aus seinem Körper zu weichen. Es dauert aber nur Sekunden und schon gibt es einen Ruck durch seinen Körper, er hebt den Kopf, bewegt ihn kurz nach links, dann nach rechts, bis die Nackenwirbel knacken.

In Zeitlupe hebt er sich seine Lampe bis auf ein paar Millimeter Abstand vor das Gesicht, so dass wir seine geflüsterten Worte, wenn wir sie nicht ob der Stille auch so verstehen würden, durchaus in seinem hervorragend ausgeleuchteten Gesicht von den Lippen ablesen könnten.

„Es wird hell, Leute! Und wenn es hell ist, müssen die drei hier unter der Erde sein.“

… Fortsetzung hier ->

sebastian_fitzek_bei_nacht

Nachts am Blauen Wunder – oder – Die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 7

Was bisher geschah: Professor Haberer hatte die Sebastian-Bach-Straße 22 ins Spiel gebracht. Der ehemalige Wohnsitz Karl Mays in Dresden war von Thomas Rosenlöcher (Dresdner Schriftsteller und vermutlicher Entführer von Ingvar) als Filiale der geheimen Autorenvereinigung „Opus Maximum“ angemietet worden. Wir hatten den Verdacht, dass Ingvar dort entweder in Ketten lag oder – im schlimmsten Fall – schon zum Bestandteil irgendwelcher Ausbesserungsarbeiten am Kellerboden geworden war. Wie auch immer: was geschehen war, würden wir jetzt feststellen …

Der Morgennebel am Dresdner Schillerplatz ist so dicht, dass ich selbst das Licht der übernächsten Straßenlaterne nicht mehr erkennen kann. Die Existenz des Blauen Wunders kann angenommen werden, ist aber nicht nachzuprüfen. Ich stolpere fast über Haberer. Er hat den dunkelgrünen Kaschmirmantel gegen einen weißen Pelz getauscht. Die Haare stehen ihm in wilden, von keinem Kamm gebändigten Büscheln vom Kopf ab. „Hier entlang!“

Kein Mensch ist um diese Zeit auf der Straße. Wir gehen ein Stück elbaufwärts.

„Hier rechts rein“, flüstert Haberer mir zu. Seine Atemluft riecht nach Knoblauch und Alkohol, sein Körper nach Schweiß. Ich schicke ein Stoßgebet zum Himmel, er möge in dieser Nacht ein paar Minuten geschlafen haben und nüchtern genug für unsere Aktion sein. Er scheint meine Gedanken zu erraten. „Mmmh, habe ein bisschen gefeiert gestern. Aber keine Sorge. Bin total fit!“

Haus Nummer 22 ist ein Stück von der Straße zurückgesetzt gebaut und selbst bei gleißendem Tageslicht wird man Schwierigkeiten haben, das kleine Schild zu entziffern, dass von seinem einstigen berühmten Bewohner kündigt. Alle Fenster sind dunkel.

Wir klettern über den Zaun, wobei sich Haberer seinen Pelz ruiniert. Es scheint ihn nicht sonderlich zu ärgern. „Wenn wir Ingvar befreit haben, wird er uns fürstlich belohnen. Dann kann ich mir soviele Pelzmäntel kaufen, dass mindestens zehn Tierarten vom Aussterben bedroht sein werden.“

Als wir vor der Tür stehen, erwarte ich, dass Haberer irgendwelches dem klassischen Einbrecherrepertoire zuzuordnendes Werkzeug aus seinen Taschen zaubert. Aber als wäre er hier zu Hause, zieht er einen schnöden Schlüsselbund hervor – und gibt sich dabei erfolgreich Mühe, leise zu sein. „Ich habe meine Kontakte bei diversen Hausverwaltungen. Und ich kriege in einer Nacht eine Menge organisiert. Trotz Party!“

Unsere Augen müssen sich an die nahezu vollständige Finsternis im Haus erst gewöhnen. Und selbst als das geschehen ist, können wir uns nicht ausreichend orientieren. „Ich hatte gehofft, irgendeine dämliche Straßenlaterne würde herein scheinen“, flüstert Haberer.

Aus dem oberen Geschoss ist ein tief zufriedenes Schnarchen zu hören. „Das wird Rosenlöcher sein …“

Haberer schaltet eine Taschenlampe ein, die er mit dem herausgebrochenen Glas einer überdimensionierten Sonnenbrille weitgehend abgedunkelt hat. Er zieht einen Zettel aus der Manteltasche, auf dem unter verschiedensten Flecken ein flüchtig skizzierter Grundriss zu erkennen ist. Dann streckt er seinen rechten Zeigefinger aus: „Hier geht es zum Keller. Ich vermute mal, da ist er drin.“

Die Tür knarrt leicht, wir wagen kaum zu atmen. An der Frequenz des Schnarchens über uns ändert sich nichts. Wir steigen eine schmale Treppe hinab.

Als wir den Keller betreten, können wir im ersten Augenblick nichts von Ingvar bemerken. Alles ist angefüllt mit Kartons, alten Zeitungen und leeren Flaschen. Dann bemerken wir, dass der Keller noch eine versteckte, um die Ecke gebaute kleine Nische besitzt. Und da hören wir auch schon ein seltsam würgendes Geräusch, das nicht von einem Menschen zu stammen scheint.

Ingvar liegt in Fesseln und ist geknebelt.

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„Mmmmpffff!“ macht er – und die Augen fallen ihm vor Anstrengung fast aus den Höhlen. Wir schneiden ihn los. Dabei bemerke ich, dass man zum Fixieren des Knebels ein Halstuch der Thälmannpioniere verwendet hat, das die letzten zwanzig Jahre wo auch immer zugebracht haben mag. „Seid bereit – Immer bereit!“, murmle ich.

„Jetzt raus hier!“ Haberer zieht uns beide Richtung Ausgang. Ingvar schafft es kaum zu laufen. Seine Beine knicken weg, als seien die Kniegelenke defekt.

Plötzlich geschieht es. Wir hätten es vorhersehen können, vorhersehen müssen. Haberers Handy beginnt zu klingeln. Keine Ahnung, wer um diese Zeit etwas von ihm will. Einer seiner tausend Kontakte …

„I’m building a wall … A fine wall …. Not so much to keep you out ….More to keep me in …“ Ein toller Klingelton, den er da hat. Pet Shop Boys. Und wahnsinnig laut.

Wir stürzen die Treppe hoch. Wie naiv, zu hoffen, man habe uns eventuell nicht gehört. Licht wird eingeschaltet und wie ein Schattenriss steht die Kontur des Thomas Rosenlöcher in der Tür. In seiner Hand ein Knüppel. Nicht zu groß. Man könnte einen Angriff wagen.

Das übernimmt Haberer: “ Herr Rosenlöcher! Welche Überraschung! Man kann doch über alles reden …“ So schwatzend schafft er es, nah genug an Rosenlöcher heranzukommen, um ihm das Knie in die Magengrube zu rammen. Wir stoßen den Mann die Treppe hinunter. Ein bisschen bin ich geschockt von unserer Brutalität. Doch als ich das Glitzern sowohl in Haberers Augen als auch in denen Ingvars bemerke, komme ich zu dem Schluss, dass wir hier nur etwas tun, was die Evolution in aller Ausdrücklichkeit für uns vorgesehen hat und ohne das unser Testosteron lediglich alberner und ornamentaler Firlefanz wäre.

Euphorisiert wollen wir aus dem Haus hinausstürmen. Dabei haben wir mit einem nicht gerechnet. Dass Rosenlöcher nicht allein sein könnte.

Ich identifiziere den Mann mit der Maschinenpistole sofort als Uwe Tellkamp. Alle drei haben wir sofort die Hände oben. Inzwischen hat sich auch Rosenlöcher berappelt und kommt die Treppe nach oben, die Fäuste geballt, Staub in den Barthaaren.

„Ruhig, ruhig“, befiehlt Tellkamp. „Bringen wir sie hoch. Und dann rufen wir den Fitzek an.“

… Fortsetzung hier ->

Im Schwarzen Adler – oder – die Jagd nach „Opus Maximum“ Teil 6

Was bisher geschah: Ingvar war so clever gewesen, seine Entführung vorherzusehen und mir einen Brief mit Instruktionen zukommen zu lassen. Unter anderem sollte ich jene im IKEA-Management einer mit dem Leben nicht zu vereinbarenden Verletzung anheimfallen lassen, die während seiner Abwesenheit für die Einführung der Verdana gesorgt hatten – einer grässlichen und mit dem typischen IKEA-Tonfall ganz und gar nicht korrespondierenden Schriftart. Gegen diesen blutrünstigen Befehl sträubte ich mich noch ein bisschen, das würde ich ein wenig aufschieben. Wichtig war für mich momentan nur, Ingvar zu retten. Diese Dringlichkeit empfand ich nicht nur aus völlig uneigennützigen Gründen: ich hatte routinemäßig nach Ronaldo und Kaká sehen wollen und die beiden in Ingvars Appartement völlig dehydriert und verhungert vorgefunden. Sie hatten sich verbissen mit dieser Primzahlgeschichte befasst und darüber komplett das Essen und Trinken vergessen. Fußballer … Ich hatte sie mit zu mir genommen, wo sie umgehend damit begannen, meine Wände mit ihren Primzahlen vollzuschmieren. Ich wollte sie wieder loswerden – und dazu musste ich Ingvar finden. Glücklicherweise hatte mir Ingvar vorausschauend einen Helfer an die Seite gestellt: den Verschwörungstheoretiker Haberer.

Wir treffen uns im „Schwarzen Adler“, einer Kneipe im Dresdner Hechtviertel, die sich in den letzten dreißig Jahren nicht verändert hat. Am Eingang wird jeder erschossen, der Turnschuhe an den Füßen hat – das gefällt mir.

Haberer hat Ingvars Scheck offensichtlich umgehend eingelöst, er trägt einen dunkelgrünen Kaschmirmantel mit silbernen Pailletten und Swarowskikristallen am Kragen, dazu eine ebenfalls sehr teuer aussehende burgunderfarbene Samthose. Kein Vergleich zu den Lumpen, in die er letztens gehüllt gewesen war. Auch seinen Bart hat er sich professionell kürzen lassen.

„Gib nicht alles auf einmal aus“, sage ich. Er überhört es.

Ich erzähle ihm, was mir Ronaldo und Kaká von der Entführung berichtet hatten. Haberer schnaubt verächtlich: „Pferdekutsche! Habe ich richtig gehört?! Pferdekutsche?! Oh ja, sie lieben es theatralisch.“

Ich sage ihm, dass ich bei der Erwähnung des Behaarten zuerst an Reinhold Messner habe denken müssen. Da sei natürlich unmöglich, ergänze ich selbst. Aber irgendwie hätte ich das Gefühl, trotzdem – ganz diffus – zu ahnen, wer es sein könnte. Wenn nicht Reinhold Messner, dann jemand, der mich an Reinhold Messner erinnert.

Wir bestellen einen Liter Wein, der nach Pandemrix schmeckt.

„Er hatte einen Bart? Das bringt uns weiter, denke ich …“ Haberer hat einen lächerlich kleinen Zettel vor sich hingelegt und kritzelt ein Strichmännchen mit massiver Gesichtsbehaarung darauf.

Als es mir endlich einfällt, verliere ich die Kontrolle über meine Gesichtsmuskulatur – Rotwein läuft mir die Mundwinkel hinab: „Ich weiß es! Waldschlösschenbrücke! Der Mann auf dem Baum! Rosenlöcher!“

Haberer streckt und dehnt sich auf seinem Schemel – die personifizierte Langeweile. „Natürlich Rosenlöcher. Wer denn sonst. Das war doch klar.“ Ich weiß nicht, ob er blufft oder tatsächlich nicht weiter überrascht ist. Er klappt sein Laptop auf und schreit zum Wirt rüber: „Leopold, geht dein WLAN?“

Die Antwort ist stark genuschelt und kaum zu verstehen. Wohlwollend ausgelegt kann man ein „Natürlich, immer!“ heraushören. Es klingt aber eher nach: „Schnauze, ihr Spinner!“

Haberer drückt sich die 12-Dioptrien-Brillengläser so stark in die Höhlen, dass es nur noch Sekunden dauern kann, bis seine Augäpfel platzen. Dann beugt er sich bis auf wenige Zentimeter an das Display heran und geht online. Er tippt schnell und scheint zu wissen, was er sucht. Zwischendurch zeigt er lachend auf die Tastatur: „Das kleine i und das kleine k gehen wieder. Hatte ich Kaffee drüber geschüttet. Hat sich aber wieder erholt, die Gute.“

Seit wann ist ein Laptop weiblich?

Dann hat er gefunden, was er sucht. Er zerrt mich vor das Display und spricht jetzt nur noch im Flüsterton: „Wir kommen der Sache näher. Siehst Du hier – die Grundstücksverkäufe der letzten Monate. Der Herr Rosenlöcher hat sich ein nettes Häuschen gleich beim Blauen Wunder gekauft. Das wäre allein nicht weiter verdächtig – obwohl – von seinen drei Gedichten in zehn Jahren? Aber egal … jedenfalls ist es nicht irgendein Haus. Sebastian-Bach-Straße 22. Sagt dir das was?“

Seine von den Brillengläsern auf Knopfgröße verkleinerten Augen schauen mich prüfend an.

„Karl May?“, frage ich.

Haberer drückt mir seinen rechten Daumen gegen die Brust: „Genau. Der einzige erhaltene Wohnsitz in Dresden. Wie gesagt, die Typen von Opus Maximum mögen es bedeutungsschwanger.“

„Und nun?“

Haberer leert sein Glas mit einem gierigen Schluck und gießt sich die Hälfte davon in den Bart. „Wir steigen dort ein. Morgen früh um drei, schlage ich vor. Treffpunkt Schillerplatz. Uhrenvergleich?“ Er schiebt seinen Mantelärmel hoch und eine Arnold & Son True North Perpetual springt mich an.

„Gib nicht alles auf einmal aus …“, murmele ich noch einmal – mehr für mich als für ihn.

… Fortsetzung hier ->

P.S. Sebastian Fitzek, eine zentrale Figur dieses Abenteuers, ist in der „realen Welt“ auf diesen Blog gestoßen. Netterweise reagierte er weder mit einer Abmahnung noch einer Unterlassungserklärung oder irgendeinem anderen juristischen Geschütz (… gut, er kennt den Rest der Geschichte nicht). Stattdessen hat er alle bisherigen Folgen meiner kleinen Trashoperette auf seiner Seite verlinkt. Das ist sehr generös. Ich habe mir erlaubt, seine Nummerierung aufzugreifen.

Nun muss nur noch IKEA weiterhin die Füße still halten …

P.P.S. Wie brutal muss ich in den nächsten Folgen mit der Figur des Sebastian Fitzek umspringen, um jeden Verdacht der Korrumpierbarkeit von mir abprallen zu lassen? Ich befürchte, sehr!

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